Dringlichkeitsantrag der Volt-Fraktion Kurzfristige Verlagerung des Abrigado und gemeinsame Neuordnung der niedrigschwelligen Suchthilfe in Hamburg
Letzte Beratung: 22.09.2026 Bezirksversammlung Harburg Ö 3.4
Kurzfristige Verlagerung des Abrigado und gemeinsame Neuordnung der niedrigschwelligen Suchthilfe in Hamburg
Fraktionsübergreifend besteht Einigkeit darüber, dass der aktuelle Standort des Abrigado in unmittelbarer Nähe zu Schulen, Wohnheimen und innerhalb des Schwarzenbergparks nicht mehr tragbar ist. Die inzwischen entstandenen Auswirkungen auf das unmittelbare Umfeld und insbesondere auf Schüler, Beschäftigte, Anwohner sowie weitere Einrichtungen sind unzumutbar. Zugleich beeinträchtigt die räumliche Überlastung auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und die menschenwürdige Betreuung der Nutzer.
Ebenso besteht fraktionsübergreifend Einigkeit darüber, dass suchtkranke Menschen Unterstützung benötigen und ihnen wirksame, niedrigschwellige und menschenwürdige Hilfsangebote zur Verfügung stehen müssen.
Das Abrigado besteht seit 1994 und ist damit seit mehr als drei Jahrzehnten Bestandteil der Harburger Suchthilfe. Über viele Jahre bestand im Umfeld eine grundsätzliche Akzeptanz der Einrichtung. Inzwischen haben die steigende Inanspruchnahme, die unzureichenden räumlichen Kapazitäten und die erheblich verschärfte Situation im Umfeld zu einer Belastung geführt, die für alle Beteiligten nicht mehr hinnehmbar ist. Die Bezirksversammlung Harburg hat bereits festgestellt, dass die räumlichen Kapazitäten des Abrigado bei steigender Nutzerzahl nicht mehr ausreichen.
Gleichzeitig stellen sich aber grundlegende Fragen, die evidenz- und wissenschaftsbasiert sowie bezirksübergreifend betrachtet und gelöst werden müssen.
Hamburg verfügte früher über ein stärker dezentralisiertes Netz von Drogenkonsumräumen.
Café 3 in Eimsbüttel und DroBill in Billstedt wurden 2002 geschlossen, der Fixstern im Schanzenviertel folgte 2003. Gegenwärtig bestehen nur noch vier Hamburger Drogenkonsumräume. Zusätzlich sollen im Bezirk Altona die täglich von etwa 40 bis 70 Menschen aufgesuchte Anlaufstelle „Palette“ zum Ende des Jahres 2026 und die Wohn- und Überlebenshilfe „Malteser Nordlicht“ bereits im Oktober 2026 schließen. Die Nutzer der Palette werden von der Sozialbehörde insbesondere auf das bereits stark beanspruchte Stay Alive und das Drob Inn verwiesen. Im angrenzenden Landkreis Harburg bestehen zwar Suchtberatungsangebote unter anderem in Winsen und Buchholz; ein mit dem Abrigado vergleichbarer Drogenkonsumraum existiert dort jedoch ebenso wenig wie in den angrenzenden Landkreisen Lüneburg und Stade. Für ganz Niedersachsen ist derzeit lediglich ein Drogenkonsumraum in Hannover ausgewiesen.
Die Schließung einzelner Hilfsangebote führt möglicherweise zu einer Verlagerung von Konsumierenden nach Harburg und birgt die Gefahr, dass sich Hilfebedarfe und damit verbundene Belastungen zunehmend an den verbleibenden Standorten konzentrieren und diese überfordern. Ob und in welchem Umfang das Abrigado von Menschen aus anderen Hamburger Bezirken oder aus dem niedersächsischen Umland genutzt wird, muss daher anhand belastbarer Daten zu Einzugsgebieten, Nutzerzahlen, Auslastung und Kapazitäten untersucht werden.
Auch die Entwicklung der Suchterkrankungen und Konsummuster erfordert eine differenzierte Betrachtung. Nach der Hamburger Basisdatendokumentation wurden 2024 insgesamt 15.174 unterschiedliche Personen in Hamburger Suchthilfeeinrichtungen begleitet oder beraten. Besondere Entwicklungen zeigen sich unter anderem bei jungen Menschen mit einer Opioidproblematik sowie bei der über mehrere Jahre kontinuierlich gestiegenen Zahl der Suchterkrankten mit einer Kokainproblematik. Hieraus entstehen veränderte und teilweise intensivere Hilfebedarfe.
Für die Betroffenen wäre eine dezentrale, wohnortnahe, menschenwürdige, individuelle und intensive Betreuung regelmäßig besser als die zunehmende Konzentration an wenigen Standorten. Kleinere und räumlich verteilte Einrichtungen können Zugangswege verkürzen, eine intensivere Betreuung ermöglichen und zugleich die Belastungen des jeweiligen Umfelds begrenzen. Hierfür sind gemeinsame, bezirksübergreifende und wissenschaftsbasierte Anstrengungen erforderlich. Aufgrund der unmittelbaren räumlichen Nähe Hamburgs zum niedersächsischen Umland sollte dabei auch die dortige Versorgungsstruktur berücksichtigt werden.
Auf der Zeitachse ist zwischen der notwendigen langfristigen Neuordnung der Suchthilfe und der akuten Situation am Schwarzenbergpark zu unterscheiden. Die erforderliche hamburgweite Untersuchung darf nicht dazu führen, dass die besonderen Belastungen am gegenwärtigen Standort über Jahre fortbestehen. Dort muss kurzfristig Abhilfe geschaffen werden.
Die erneuten schwerwiegenden Vorfälle im Umfeld des Abrigado und die in der jüngsten Sicherheitskonferenz deutlich gewordene Zuspitzung haben den unmittelbaren Handlungsbedarf nochmals bestätigt. Zugleich eröffnet das voraussichtliche Ende der gegenwärtigen Nutzung des Standortes Schlachthofstraße zum 31. Dezember 2026 ein Zeitfenster für eine Interims- oder längerfristige Lösung. Damit eine kurzfristige Verlagerung überhaupt realistisch geprüft und vorbereitet werden kann, müssen die erforderlichen politischen und administrativen Entscheidungen unverzüglich getroffen werden. Eine Befassung erst im regulären weiteren Beratungsverlauf würde wertvolle Planungszeit verstreichen lassen.
Die Bezirksversammlung möge beschließen:
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