Antrag des Abg. Adrian Leuser (AfD) betr. Humanitärer Kontrollverlust am Schwarzenbergpark - Sofortmaßnahmen einleiten, Nachbarschaft entlasten, Symbolpolitik beenden
Harburg, frühe Morgenstunden. Feuchte Kälte liegt über dem ehemaligen Schwarzenbergpark, auf dem einst Volksfeste gefeiert wurden, bevor den Harburgern der Park zu Gunsten einer Containerburg entrissen wurde. Heute sind dort Feste undenkbar: Westlich drängen sich beheizte Container für Flüchtlinge, die Erweiterung auf die doppelte Fläche ist bereits abgeschlossen. Dazwischen, direkt am Zaun des Abrigado, dem zentralen Drogenkonsumraum von Harburg, kauern Menschen in Zelten und unter Planen. Abgemagerte Gestalten mit eingefallenen Gesichtszügen und fahler Haut. Manche starren versteinert ins Leere, andere sitzen zusammengekauert in der Hocke und warten, bis der Rausch nachlässt. Manchen fehlen Gliedmaßen, andere haben kaum noch Zähne. Auf der anderen Seite bei der Drogenhilfe gruppieren sich kräftige, bärtige Männer, die ein und aus gehen. Es herrscht reger Betrieb im Abrigado, während östlich nur wenige Meter entfernt das Schulgelände beginnt.
In seiner Rolle als AfD Mandatsträger informiert sich Adrian Johannes Leuser über Anfragen an die Bezirksregierung und über Beschwerden der Anwohner zur Situation rund um das Abrigado.[1]. Er will der Sache auf den Grund gehen: Vor Ort trifft er sich mit dem Leiter einer Harburger Selbsthilfegruppe, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte. Hinzu kommt Lukas(Name anonymisiert), selbst Konsument und bereit, sich anzuvertrauen. Er sagt: „Aus meiner Wahrnehmung nur noch Konsum hier. Zunehmend nutzen das Abrigado Georgier, Araber und Russen, separate Gruppen, die für Ausschreitungen und Gewalt sorgen.“ Der Wohnungslosenbericht aus 2024 bestätigt, was Lukas beschreibt und offenkundig ist: Fast neun von zehn Wohnungslosen haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Vier von fünf Wohnungslosen mit Suchterkrankung erleben Gewalt [2]. Die Folgen zeigen sich dramatisch: Wer Notunterkünfte meidet oder keine findet, schläft im Zelt. Wer im Zelt schläft, rutscht häufig noch tiefer in Sucht und Gewalt, landet am Abrigado und wenig später dort, wo der ehemalige jüdische Friedhof liegt, ein Ort, der längst außer Betrieb ist undals stilles Mahnmal direkt nebenan zeigt, wie kurz der Weg vom Elend zum Ende geworden ist.
Am alten jüdischen Friedhof mussten mehrfach Zäune verstärkt werden, weil sie immer wieder zerstört wurden. Begehungen erfolgten zeitweise nur unter Polizeischutz [3]. Die Standortwahl des Konsumraums direkt neben einem jüdischen Friedhof, einem Ort, der Würde und Erinnerung der Toten schützen soll und heute als Pufferzone eines Drogenbrennpunkts und öffentliche Toilette fungiert, wirft Fragen auf. Gleich neben dem jüdischen Friedhof befindet sich der Garnisonfriedhof, ein Ort des Gedenkens und kulturellen Erbes, nun überschattet von den überbordenden Problemen der Gegenwart: Gewalt, Sucht und Verelendung.
Aus den Fenstern der Technischen Universität Hamburg blickt man wie von einer Tribüne auf die Szenerie. Hier auf der Seite der Universität fließen fast eine Dreiviertelmillion Euro Förderung pro Jahr, dort auf der anderen Straßenseite liegen improvisierte Lager und offene Verelendung. Ein Bild wie aus brasilianischen Favelas, nur ohne Palmen, ohne Sonne und ohne Wärme. Im Winter kriecht die Kälte unter die Zeltplanen. Allein im letzten Winter sind in Hamburg laut Sozialbericht rund fünfzig obdachlose Menschen gestorben [4]. Insgesamt leben nach dem Wohnungslosenbericht von Januar 2025 etwa 3.800 Obdachlose in der Stadt [4]. Doch die Chronik dieses sozialen Absturzes beginnt nicht erst heute. Schon im Juni 2024 dokumentierte das Hamburger Abendblatt „die Mengen an Müll, benutzten Einwegspritzen und menschlichen Fäkalien“ und sprach von Zuständen, die „alle Erwartungen“ übertrafen [5]. Hauseigentümer Ralph G. lud Politik und Presse ein, um die Vermüllung seiner Grundstücke im Harburger Heimfeld zu zeigen. Er erklärte, die Absicherung seines Grundstücks habe ihn innerhalb eines halben Jahres bereits mehrere Zehntausend Euro gekostet. „Manchmal kommen die Abhängigen bis auf die Terrassen meiner Mieter und suchen einen Ort, um ihre Notdurft zu verrichten oder Getränke zu klauen.“ Mehrere langjährige Mieter haben bereits gekündigt [5]. Das Abrigado reagierte mit mehrsprachigen Flyern an die „Zielgruppe“ zum respektvollen Verhalten gegenüber „Mieter*innen und Anwohner*innen“, verwies nebenbei auf fehlende öffentliche Sanitäranlagen und schiebt somit die Verantwortung dem Bezirk zu. Zur „Defäkation (Darmentleerung) im öffentlichen Raum“ komme es vor allem während der Schließzeiten der Drogenkonsumstelle [5]. Bis heute ist jedoch wenig passiert, außer der Aufstellung von ein paar roten Spritzenmülleimern der SPD, die medial und mit Paukenschlag angepriesen wurden [6], [7]. Und während Abhängige im Jahr 2002 nach „Ladenschluss“ noch nach Hause gingen, leben sie heute Tag und Nacht um die Drogenversorgung. Aus einem früher kaum sichtbaren Geschehen ist eine permanente öffentliche Verelendung geworden, und das nicht irgendwo am Rande der Welt, sondern hier in Deutschland, mitten in einem Hamburger Stadtteil [5].
Von einem weiteren Versagen berichtet nach dem Hamburger Abendblatt auch die MOPO im November 2025, als sie die Ergebnisse einer Gesundheitsbefragung der SPD geführten Sozialbehörde offenlegt [4]. Darin wird ein „düsteres Bild“ gezeichnet. 70 Prozent der Befragten „leiden unter körperlichen oder psychischen Problemen, viele ohne Krankenversicherung“. Zugleich wird deutlich, dass viele Wohnungslose durchaus bereit wären, sich auch auf längerfristige Behandlungen einzulassen. So klagt ein Betroffener: „Bein richtig zu Ende behandeln. Wunde seit 5 Jahren und immer nur Verband bekommen.“ Ein anderer fordert: „Umfangreiche Hilfe statt nur kurz Tablette.“ Die SPD Sozialsenatorin der Stadt Hamburg Melanie Schlotzhauer erklärt dazu: „Die Ergebnisse der Gesundheitsbefragung überraschen uns nicht.“ Und resümiert: „Das bestärkt uns darin, unseren eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen.“[4]
Ein Sozialarbeiter aus dem Abrigado, den wir hier Olaf nennen, schildert die Lage aus der täglichen Praxis in einem persönlichen Gespräch Anfang Dezember 2025 eindringlich: Pro Tag kommen zwischen 80 und 150 Abhängige in die Einrichtung. Nach seiner Modernisierung 2012 war das Abrigado für rund 20.000 Kontakte pro Jahr ausgelegt, heute liegt die Zahl bei 45.000 bis 50.000. Das ist weit mehr als eine Doppelung des ursprünglich Geplanten. Dennoch versuchen die Sozialarbeiter auch bei der Vermittlung von Therapien zu unterstützen. Wenn Olaf für seine Schützlinge einen Wunsch frei hätte, würde er sich dringend eine konsumtolerante Notschlafstelle für sichere Nächte mit geschulter Betreuung wünschen, da viele Suchtkranke derzeit notgedrungen in Zelten schlafen. Die wenigen bestehenden Notschlafplätze befinden sich auf der anderen Seite der Elbe im Norden Hamburgs und sind daher für die Suchtkranken in unerreichbarer Ferne. Drogen werden im Abrigado allerdings nicht ausgegeben, sondern ausschließlich konsumiert. Auf die Frage, woher die großen Mengen an Drogen für bis zu 50.000 Kontakte jährlich stammen, weiß er keine Antwort. Als Ursache für die Zunahme an Suchtkranken vermutet er: „Ursache ist die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich.“
Der Hauptgrund für Wohnungslosigkeit liegt laut Wohnungslosenbericht des Bundes in rund 40 Prozent der Fälle in Mietschulden, als direkte Folge der drastisch gestiegenen Mietpreise [2]. Da neun von zehn Wohnungslosen Ausländer sind, scheint diese Gruppe in besonderem Maße vom sozialen Abstieg betroffen zu sein [2]. Allein zwischen 2018 und 2025 sind die Mieten in Hamburg um etwa ein Drittel explodiert, stellt das Hamburgportal fest [8]. Ursache dafür ist vor allem der massive Mangel an Wohnraum, obwohl die demographische Entwicklung der Deutschen laut Statistischem Bundesamt rückläufig war und erst nach der Grenzöffnung um knapp 15 % von 1,39 auf 1,60 anstieg. Durch die andauernde Nettozuwanderung von rund 6,5 Millionen Menschen zwischen 2015 und 2025 entsteht Jahr für Jahr der zusätzliche Wohnraumbedarf einer Großstadt von der Größe Hannovers. Wen wundert es da, wenn der Wohnraum bei Zuströmen dieses Ausmaßes plötzlich nicht mehr für alle reicht? Während der Sozialarbeiter die Schere zwischen Arm und Reich als eine Ursache sieht, betont der Bericht auch den Wohnungsbaurückstand und weitere Faktoren wie psychische Belastungen [2]. Auch die Hamburger Behörde für Wohnungsbau wird sozialdemokratisch geführt. Zuständig ist die von der SPD gestellte Senatorin Karen Pein [9].
Längst ist nicht mehr nur der Hamburger Hauptbahnhof von Verelendung und Kriminalität betroffen. Die Verelendung in ganz Hamburg wächst kontinuierlich und greift immer weiter um sich, mit enormen sozialen, gesundheitlichen und auch wirtschaftlichen Kosten: Ansässige Bewohner und Gewerbetreibende werden zum Wegzug genötigt, weil sie die Zustände in ihrem Umfeld nicht mehr ertragen.
Auf eine Kleine Anfrage seitens der AfD Fraktion Harburg zu den Zuständen vor Ort muss die Harburger Bezirksverwaltung gestehen: „In unregelmäßigen Abständen und auf unterschiedlichsten Wegen erreichen die Polizei Bürgerhinweise und Beschwerden im Hinblick auf die Sauberkeit vor Ort sowie auf Vermüllungen und den Aufenthalt schlafender Konsumenten in der näheren Umgebung des Abrigado.“ [1] Gleichzeitig wird in derselben Antwort klargestellt, dass entsprechende statistische Daten zu eingegangenen Hinweisen oder Beschwerden nicht erhoben werden [1].
Genau hier beginnt das eigentliche politische Versäumnis. Denn um solche Zustände nicht nur gefühlt, sondern belastbar bewerten zu können, bräuchte es eine systematische statistische Erhebung, und die muss von der Politik angestoßen werden. Erst auf dieser Grundlage können wirksame Maßnahmen gezielt entwickelt werden. Doch die Mehrheitenim Bezirk liegen bei SPD, Grünen und Linken, also genau bei jenen, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahne schreiben, sich im Fall Abrigado aber offensichtlich vor dieser Verantwortung wegducken.
Die Folgen dieses politischen Wegsehens zeigen sich unmittelbar in der Praxis. Zwar arbeitet die Stadtreinigung nach einem hamburgweit geltenden Monitoringraster aus Elektrogeräten, Müllsäcken, Tannenbäumen und Sperrmüll [1]. Doch was das Bild vor Ort tatsächlich prägt, fällt durch dieses Raster vollständig hindurch: Spritzen, Kanülen, Crackpfeifen, Löffel, Alufolie, Blutspuren, Erbrochenes, Urin, Exkremente, benutzte Hygieneartikel, Zeltfetzen und kontaminiertes Zubehör tauchen in keiner Statistik auf. Das Problem ist also real vorhanden, für die Erfassung jedoch nicht vorgesehen und somit offiziell nicht existent [1]. Entsprechend dünn fällt auch die personelle Ausstattung aus. Für soziale Härtefälle im Bezirk steht lediglich eine halbe Stelle zur Verfügung [10].
Die Verantwortung an diesem strukturellen Versagen trägt jedoch nicht die Verwaltung selbst. Sie handelt nur gemäß politischer Vorgaben. Und diese kommen von Hamburgs regierenden Parteien, der SPD und den Grünen. Während Eltern abends „Angsträume“ auf dem Schulweg ihrer Kinder melden, liefern die Sozialdemokraten dazu Ausreden und Verharmlosungen und ignorieren weiterhin selbst Hilferufe aus der Bevölkerung [11].
Wörtlich erklärt die Harburger SPD in einer ihrer Drucksachen (22-0716.01) im Juni 2025: „Die subjektive und objektive Lage bei der Erfassung von Obdachlosigkeit kann stark variieren. Entsprechend ist die Beschwerdelage kein geeignetes Maß für die Einordnung eines tatsächlichen Bedarfs an sozialer Arbeit in den Bezirken.“ [12]
Damit zeigt die SPD offen, was die lückenhafte Statistik bereits angedeutet hat: Was nicht erfasst wird, gilt offiziell als nicht vorhanden, und bloße Beschwerden zählen eben nicht. Allerdings fordern die Sozialdemokraten vom Bezirk spezielle Konsumabfallbehälter, weil es „nicht selten“ vorkomme, dass „Konsumabfälle (Kanülen, Spritzen, Tourniquets etc.) in Grünanlagen, am Gehwegsrand oder sonstigen Flächen im öffentlichen Raum verworfen werden“. Dabei ist Müll längst nur noch eine Begleiterscheinung, und die Vermutung liegt nahe, dass es weniger um eine wirksame Lösung geht als vielmehr um eine symbolische Maßnahme zur Beruhigung der Bevölkerung. Getreu dem Motto: „Schaut her, wir haben doch etwas getan.“ [13]
Und während die SPD sinnlosen Aktionismus betreibt, steigt die Gewaltkaskade weiter an, denn laut Wohnungslosenbericht geben rund sieben von zehn Menschen auf der Straße an, Gewalterfahrungen gemacht zu haben, und etwa jede dritte Frau erlebt Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung [2]. Anstatt wirksam gegen die soziale Verelendung vorzugehen, fordert die SPD Mülleimerfür Drogenzubehör [6], [7], [13]. Was in dieser Logik fast noch fehlt, wäre die gleichzeitige Verteilung von Spritzen und Drogen. Was als Lösung präsentiert wird, wirkt vor diesem Hintergrund wie blanker Hohn. Immerhin erkennt eine fraktionslose HarburgerSPD Genossin in einer Lokalzeitschrift im September 2025 an: „Verbessert hat sich bis heute wenig. Es kann nicht sein, dass wir hier seit Jahren auf der Stelle treten, während täglich Fußgänger*innen und Radfahrende gefährdet werden.“ [11]
Weitaus dramatischer als die Vermüllung ist der starke Anstieg von Straftaten im Zusammenhang mit der Obdachlosigkeit, der im Wohnungslosenbericht beschrieben wird. Allein zwischen 2018 und 2023 nahmen sie um mehr als ein Drittel zu, darunter auch Beschaffungskriminalität, die ausgerechnet jene im Stadtteil trifft, die überhaupt noch Besitz haben [2]. Und genau diese Realität bestätigt sich in Gesprächen mit Menschen im weiteren Umfeld des Abrigado. Gewerbetreibende berichten Mitte Dezember 2025 von einer Lage, die längstaußer Kontrolle geraten ist. Ein Kioskbesitzer erzählt, dass aus dem Keller des benachbarten Dönerladens Fleisch gestohlen werde und in den umliegenden Wohnungen regelmäßig eingebrochen werde. „Es wird immer schlimmer. Die Polizei bringt nichts, kommt vorbei, stellt ein Ticket aus und das war’s. Der Bezirk hat die Kontrolle verloren. Ich musste das Problem selbst in die Hand nehmen, jetzt habe ich Ruhe.“ Wenn zur Selbstjustiz gegriffen wird, weil der Staat die Oberhand verliert, müssen die Alarmglocken läuten. Auch im Supermarkt nebenan kennt man das gleiche Muster. Zwar verhindert ein Sicherheitsdienst die meisten Diebstähle, doch die Täter erscheinen weiterhin regelmäßig. „Die wissen inzwischen, dass man hier nicht mehr klauen kann“, sagt ein Mitarbeiter, „aber sie kommen trotzdem.“
Aber was würde den suchtkranken Menschen wirklich helfen? Viele Menschen in der Szene sind traumatisiert, eine reine Entgiftung reicht längst nicht aus. In Hamburg gilt das Ochsenzoll als eine der wenigen stationären Anlaufstellen, und das Ochsenzoll ist für Suchtkranke unendlich weit weg von Harburg Heimfeld. Hinzu kommt, dass sich die Wartezeiten im Ochsenzoll über lange Zeiträume ziehen können, was auf telefonische Nachfrage Anfang November 2025 eine Mitarbeiterin nüchtern bestätigt: „Die Warteliste ist lang, wir sind immer voll.“ Der Leiter einer Harburger Selbsthilfegruppe benennt aus Erfahrung die Maßnahmen, die sofort Wirkung entfalten würden: Frühöffnungszeiten und geschützte Ruheräume statt reiner Konsumzeiten, kleine und niedrigschwellige Notschlafplätze mit Sozialarbeitern statt Sicherheitsdiensten, Forderungen, die auch der Mitarbeiter des Abrigado teilt [5].
Ob der Bezirk diese Kosten überhaupt noch stemmen könnte, bleibt offen. Oder offenbart die Politik bereits ihre ganze Antwort in einem Bezirk mit offiziell fast zweihunderttausend Einwohnern dadurch, dass für soziale Härtefälle nur eine halbe Stelle vorgesehen ist [10]?
Notunterkünfte sind unverzichtbar, denn fast die Hälfte der Wohnungslosen ist laut Wohnungslosenbericht suchtkrank [2]. Wer also ein Dach über dem Kopf hat, gerät seltener in die Abhängigkeit. Entscheidend ist daher, dass die Menschen gar nicht erst auf der Straße landen. Leider führt die links grün regierte Stadt mit 171 Wohnungslosen je 10.000 Einwohnern mit Abstand den ersten Platz der nationalen Statistik an. Erst mit rund einem Viertel weniger Betroffenen folgt mit der Stadt Stuttgart der zweite Platz [2]. Eine alarmierende Zahl, und das in einer Stadt, die seit Jahrzehnten von Sozialdemokraten regiert wird. Jene, die einst angetreten waren, um sich gegen Missstände und für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. In Hamburg könnten die sozialen Verwerfungen heute jedoch kaum größer sein, insbesondere wenn man die „konservativ“ regierten Bundesländern wie Bayern mit Hamburg vergleicht.
In Harburg können wir auf Bezirksebene zumindest verhindern, dass Menschen im Schwarzenbergpark unter Planen elend zugrunde gehen, wenn sich SPD, Linke und Grüne endlich ehrlich machen. Direkt nebenan stehen beheizte Unterkünfte für Flüchtlinge bereit, die allerorts wie Pilze aus dem Boden schossen und für die offenbar unbegrenzte Mittel zur Verfügung stehen. Diese Kapazitäten ließen sich nutzen, um das sichtbare Elend vor Ort zu lindern und das Vertrauen der Anwohner zurückzugewinnen, bis der Umzug des Abrigado vollzogen ist.
Der weitere Werdegang und die Planungen in Bezug auf das Abrigado Harburg, betrieben durch den Freiraum e.V., sind weiterhin nicht abgeschlossen. Aus der Antwort des Bezirksamtes auf die Schriftliche Kleine Anfrage mit der Drucksachennummer 22-0842.01 vom 29.07.2025 geht hervor, dass die Standortfrage weiterhin offen ist [1]. Demnach stehen aufgrund noch laufender Planungen weder der Betriebsbeginn im Neubau der Drogenhilfeeinrichtung an der Buxtehuder Straße noch eine mögliche Nutzung des Bestandsgebäudes in der Schwarzenbergstraße fest [1]. Zusätzlich wird ausdrücklich festgestellt, dass für die vorgesehene Ausweichfläche bislang keine Baugenehmigung erteilt wurde [1]. Damit besteht weder Klarheit überden künftigen Standort noch über einen verbindlichen Zeitplan für einen Umzug.
Ergänzend hierzu berichtete die taz im Dezember 2025, dass die Parkanlage, in der sich das Abrigado derzeit befindet, ab März 2026 saniert werden soll [14]. In demselben Artikel wird ausgeführt, dass das Abrigado an einen Standort an einer vierspurigen Straße umziehen solle und der neue Standort deutlich größer sein werde [14]. Konkrete Angaben zum Genehmigungsstand, zu einem Baubeginn oder zu einem verbindlichen Umzugstermin werden in diesem Zusammenhang nicht gemacht [14].
Unabhängig von der weiterhin offenen Standort und Umzugsfrage wurde auf Initiative der Harburger SPD ein Antrag vom 17.11.2025 umgesetzt, der die Verlegung von drei der sogenannten Spritzenmülleimern an neue Standorte vorsieht [6]. Als Begründung für den Umzug der drei Mülleimer wird angegeben, dass die Behälter in ihrer neuen Lage von den Konsumenten besser wahrgenommen und genutzt werden sollen [6]. Tiefgreifende Maßnahmen mit unmittelbarem Bezug zur langfristigen Standortentscheidung oder zur tatsächlichen Verbesserung der Situation vor Ort werden in diesem Zusammenhang nicht benannt [6].
Ebenfalls im Dezember 2025 griff die taz die öffentliche Debatte rund um das Abrigado und den Umgang mit Suchtkranken im öffentlichen Raum auf [14]. Dabei wird auf eine Pressemitteilung der Mitarbeiter des Abrigado Bezug genommen, mit der auf eine aus ihrer Sicht tendenziöse Berichterstattung reagiert werden sollte, die Gäste der Einrichtung vor allem mit Verwahrlosung, Gestank und Gewalt in Verbindung bringe [14]. Der Artikel der taz stellt die Frage der Koexistenz von Drogenkonsumenten und übriger Stadtgesellschaft in den Mittelpunkt, ohne auf strukturelle Ursachen der zunehmenden Verelendung oder auf die Hintergründe steigender Konsumentenzahlen einzugehen [14]. In den Leserkommentaren zu dem Artikel wird diese Einordnung teilweise kritisch hinterfragt, unter anderem in einem Kommentar vom 18.12.2025 [15]:
„Eine Fixerstube, eine Geflüchtetenunterkunft und eine Förderschule sind ein Querschnitt der deutschen Gesellschaft? Ist das Sarkasmus? Interessant finde ich, wie es Abstandsregeln für Cannabisclubs zu Schulen geben kann, eine Fixerstube aber scheinbar kein Problem ist.“
Zusammenfassend ergibt sich das Bild, dass die Planungen zum Abrigado Harburg weiterhin ungeklärt sind, eine Baugenehmigung für eine Ausweichfläche bislang nicht vorliegt [1] und mediale Berichte zwar eine Sanierung der Parkanlage sowie einen größeren künftigen Standort in Aussicht stellen, jedoch ohne belastbare Angaben zu Zeitrahmen oder Genehmigungsstand [14]. Es setzt sich somit augenscheinlich der bisherige Kurs fort.
Aus einem weiteren Interview mit einem ehemaligen Suchkranken Mitte Februar 2026 erfährt der freie AfD Mandatsträger Adrian Johannes Leuser: „Es herrscht ein Kommen und Gehen. Das Abrigado öffnet seine Pforten um halb zwei und schließt um 19 Uhr. Mittags um vier gibt es Essen.“
Viele kämen auch einfach nur vorbei, „um sich einen Schuss zu setzen“, erzählt der ehemalige Suchtkranke. Heute sammelt er rund um das Abrigado Müll ein und versucht, den Platz sauber zu halten, nachdem es in der Vergangenheit immer wieder Beschwerden und negative Presseberichterstattung wegen der Verwahrlosung gegeben hatte [5]. Dennoch ist das Abrigado weiterhin leicht zu finden, man muss lediglich den Spuren aus alten Kleidungsstücken, leeren Flaschen und anderem Unrat folgen.
Auf die Frage, wie es sein könne, dass in der kalten Jahreszeit suchtkranke Menschen in Zelten leben und dort auch sterben, während gleich nebenan beheizte Containeranlagen für Flüchtlinge mit sanitären Einrichtungen bereitstehen, sagt der Müllsammler: „Die Hälfte der für die Ukrainer gebauten Container steht leer.“
Warum hier für die Bedürftigsten der Gesellschaft kein Platz geschaffen werde, könne er sich nicht erklären. Er schüttelt nur den Kopf und verabschiedet sich und mit ihm die Hoffnung.
Quellenverzeichnis
[1] Bezirksversammlung Harburg, Drucksache 22-0842.01, Antwort Stellungnahme gem. § 27 BezVG vom 29.07.2025, „Harburg für alle. Sachstand Abrigado“, Dokumentation und Drucksachenseite.
https://bv-hh.de/harburg/documents/anfrage-gem-27-bezvg-fraktion-afd-betr-harburg-fuer-alle-sachstand-abrigado-201725
[2] Wohnungslosenbericht 2024, Angaben zu Staatsangehörigkeit, Gewalt, Straftaten, Ursachen, sowie Städtevergleich (Hamburg 171 je 10.000, Stuttgart 131 je 10.000).
[3] Bezirksamt Harburg, Antwort Stellungnahme 22-0455.01 vom 21.02.2025, Zitate zu Zaunbeschädigungen, professionellem Werkzeug, Polizeischutz.
[4] MOPO, 06.11.2025, „Erschreckend: So schlecht geht es Hamburgs Obdachlosen“, Gesundheitsbefragung, 70 Prozent, Zitate Schlotzhauer, sowie Todesfälle im Winter, zusätzlich Zahlen zu Obdachlosigkeit (3.800).
https://www.mopo.de/hamburg/gesundheitszustand-der-obdachlosen-in-der-stadt-verschlechtert-sich/
[5] Hamburger Abendblatt, 14.06.2024, Bericht zu Vermüllung, Spritzen, Fäkalien, Ralph G., Zitate, Flyer, Defäkation, Vergleich 2002.
https://www.abendblatt.de/hamburg/harburg/article242548454/Vermuellte-Grundstuecke-am-Abrigado-So-reagiert-die-Drogenberatung.html
[6] Bezirksversammlung Harburg, Drucksache 22-0378, Antrag SPD vom 17.11.2025 „Konsumabfallbehälter im Harburger Kerngebiet“, inkl. Begründung und Standorte.
https://bv-hh.de/harburg/documents/antrag-spd-betr-konsumabfallbehaelter-im-harburger-kerngebiet-188145
[7] Bezirksversammlung Harburg, Drucksache 22-0378.01, Stellungnahme Antwort gem. § 27 BezVG vom 19.03.2025.
https://bv-hh.de/harburg/documents/stellungnahme-antrag-spd-betr-konsumabfallbehaelter-im-harburger-kerngebiet-194262
[8] Hamburgportal, Mietentwicklung Hamburg 2018 bis 2025 (Mieten „um etwa ein Drittel“). (Bitte Quelle im Hamburgportal nachtragen, im beigefügten Dokument nur als Verweis benannt.)
https://www.hamburgportal.de/immobilien/immobilien-bauunternehmen/mieten-in-hamburg-anstieg/#:~:text=Hamburg gehört zu den Städten,sind die Auswirkungen jedoch überschaubar.
[9] Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg, Zuständigkeit Senatorin Karen Pein.
https://www.bundesrat.de/SharedDocs/personen/DE/laender/hh/pein-karen.html
[10] Bezirksamt Harburg, Drucksache 22-0586.01, Antwort vom 02.05.2025, Angabe „0,5 Vollzeitquivalente“ Straßensozialarbeit.
https://bv-hh.de/harburg/meetings/13-05-2025-sitzung-des-hauptausschusses-5715.xlsx
[11] Neuer Harburger Ruf, 20.09.2025, Bericht zu „Angsträumen“ sowie Zitat SPD Genossin.
[12] Bezirksversammlung Harburg, Drucksache 22-0716.01, Antwort auf Anfrage SPD (Juni 2025), Zitat zur Beschwerdelage als Maßstab.
https://bv-hh.de/harburg/documents/antwort-auf-anfrage-spd-betr-harburgs-prioritaet-bei-der-neukonzeptionierung-der-strassensozialarbeit-200493
[13] Bezirksversammlung Harburg, Drucksache 22-0378.01, Sachverhaltsteil mit Zitat „nicht selten“ und Aufzählung „Kanülen, Spritzen, Tourniquete etc.“
https://bv-hh.de/harburg/documents/stellungnahme-antrag-spd-betr-konsumabfallbehaelter-im-harburger-kerngebiet-194262
[14] taz, Dezember 2025, Artikel „Drogenkonsumraum in Hamburg“, Sanierung ab März 2026, Umzug an vierspurige Straße, größerer Standort, Einordnung Koexistenz Debatte.
https://taz.de/Drogenkonsumraum-in-Hamburg/!6138868/
[15] taz Leserforum, Kommentar vom 18.12.2025, 16:13 Uhr, im Kontext des taz Artikels „Drogenkonsumraum in Hamburg“.
https://taz.de/Drogenkonsumraum-in-Hamburg/!6138868/
Vor dem Hintergrund der dargestellten dramatischen Entwicklungen möge die Bezirksversammlung Harburg dringend beschließen:
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