Volt-Antrag: Mehr Demokratie vor Ort: Harburg startet Bürgerhaushalt - 1 Euro pro Einwohner für Ideen aus der Nachbarschaft
Letzte Beratung: 28.04.2026 Bezirksversammlung Harburg Ö 6.1
Volt-Antrag:
Mehr Demokratie vor Ort: Harburg startet Bürgerhaushalt – 1 Euro pro Einwohner für Ideen aus der Nachbarschaft
Die direkte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an politischen Entscheidungen
ist eine wesentliche Voraussetzung für eine funktionierende und vertrauenswürdige
Demokratie. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien - unter anderem der OECD sowie
des Europäisches Parlament, dass sich viele Menschen in Europa nur
unzureichend in politische Entscheidungsprozesse eingebunden fühlen. Laut OECD
Trust Survey 2024 geben im Durchschnitt lediglich etwa drei von zehn Befragten an,
tatsächlich Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. Das Gefühl, gehört zu
werden, steht dabei in engem Zusammenhang mit dem Vertrauen in staatliche
Institutionen.
Ein bewährtes Instrument zur Stärkung demokratischer Teilhabe ist der sogenannte
Bürgerhaushalt (Participatory Budgeting). Dabei stellt die öffentliche Hand einen
definierten Anteil ihres Haushalts zur Verfügung, über dessen Verwendung die
Bürgerinnen und Bürger direkt entscheiden. In der Praxis hat sich ein mehrstufiges
Verfahren etabliert, bei dem Ideen aus der Bevölkerung eingebracht, durch die
Verwaltung auf ihre Umsetzbarkeit geprüft, öffentlich diskutiert und schließlich zur
Abstimmung gestellt werden. Die ausgewählten Projekte werden anschließend
verbindlich umgesetzt und transparent begleitet.
Europaweit existieren inzwischen mehrere tausend solcher Verfahren, allerdings mit
deutlichen regionalen Schwerpunkten. Analysen des Europäischen Parlaments und
der OECD zeigen, dass Bürgerhaushalte insbesondere dann ihre Wirkung entfalten,
wenn sie verbindlich ausgestaltet sind, transparente Abläufe gewährleisten und eine
breite gesellschaftliche Beteiligung ermöglichen. Gerade dort, wo Bürgerinnen und
Bürger tatsächlich Einfluss auf konkrete Entscheidungen erhalten, lassen sich
positive Effekte auf Vertrauen, politische Teilhabe und die Akzeptanz öffentlicher
Entscheidungen beobachten.
Erfolgreiche Beispiele finden sich in verschiedenen europäischen Städten. In Paris
wird jährlich ein erheblicher Teil des Investitionshaushalts unter Beteiligung der
Stadtgesellschaft vergeben. In Cascais haben Bürgerinnen und Bürger seit
Einführung des Verfahrens über die Verwendung von Mitteln in zweistelliger
Millionenhöhe entschieden. Auch in Amsterdam wird auf quartiersbezogene Budgets
gesetzt, die eine niedrigschwellige Beteiligung und konkrete Verbesserungen im
direkten Lebensumfeld ermöglichen.
Ein besonders gut übertragbares Beispiel aus Deutschland findet sich in München.
Dort wurde ein Bürgerhaushalt mit einem klar definierten Budget eingeführt, der etwa einem Euro pro Einwohner entspricht.
Dieser Ansatz hat sich als besonders praktikabel erwiesen, da er ein realistisches
Einstiegsniveau mit einer für die Öffentlichkeit leicht verständlichen Größe verbindet.
Das Verfahren ist klar strukturiert, transparent gestaltet und ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, von der Idee bis zur Umsetzung sichtbar Einfluss zu nehmen.
Auch unter den spezifischen Rahmenbedingungen der Hamburger Bezirke erscheint
ein solcher Ansatz grundsätzlich umsetzbar. Zwar verfügen die Bezirke nicht über
eine eigenständige Finanzhoheit im klassischen Sinne, jedoch bestehen durchaus
Gestaltungsspielräume innerhalb der ihnen zugewiesenen Mittel. Hierzu zählen
insbesondere bezirkliche konsumtive und investive Mittel, Stadtteil- und
Quartiersfonds, Mittel für kleinere bauliche Maßnahmen sowie weitere Budgets, über
deren Verwendung im Rahmen der bezirklichen Zuständigkeiten entschieden werden
kann. Gerade diese Mittel eignen sich in besonderer Weise anteilig für einen Bürgerhaushalt,
da sie typischerweise für konkrete, lokal wirksame Projekte eingesetzt werden.
Ein Budgetansatz in der Größenordnung von etwa einem Euro pro Einwohner bietet
dabei eine realistische und zugleich politisch gut vermittelbare Orientierung. Er
schafft einen klaren Rahmen, ohne die bestehenden Haushaltsstrukturen zu
überfordern, und ermöglicht gleichzeitig sichtbare Verbesserungen im direkten
Lebensumfeld der Bürgerinnen und Bürger. Durch die Bündelung geeigneter
bezirklicher Mittel könnte ein solches Budget im Rahmen eines Pilotprojekts
bereitgestellt werden.
Die positiven Effekte eines Bürgerhaushalts sind vielfach belegt. Er trägt dazu bei,
Transparenz über öffentliche Ausgaben herzustellen, politische
Entscheidungsprozesse verständlicher zu machen und insbesondere auch bislang
weniger eingebundene Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Gleichzeitig fördert er
konkrete, lokal verankerte Problemlösungen und stärkt die Identifikation mit dem
eigenen Stadtteil.
Vor diesem Hintergrund bietet sich die Einführung eines kleineren Bürgerhaushalts im Bezirk
Harburg zunächst als Pilotprojekt an, um ein solches Verfahren an die lokalen
Gegebenheiten anzupassen, lokale Wünsche gezielter umzusetzen, bestehende finanzielle Spielräume gezielt für Bürgerbeteiligung zu nutzen und die demokratische Teilhabe vor Ort nachhaltig zu
stärken.
Die Bezirksversammlung Harburg möge beschließen:
Die Bezirksverwaltung wird gebeten darzustellen, wie im Bezirk Harburg ein Bürgerhaushalt im Rahmen eines Pilotprojekts eingeführt werden kann. Dabei soll insbesondere aufgezeigt werden, wie ein einfach zugängliches, transparentes und verbindliches Verfahren ausgestaltet werden kann, das sich an europäischen Best-Practice-Beispielen orientiert und sich an einem Budgetansatz in der Größenordnung von etwa einem Euro pro Einwohner ausrichtet.
In diesem Zusammenhang soll auch dargestellt werden, welche bestehenden bezirklichen Haushaltsmittel sich für die Umsetzung eines solchen Pilotprojekts eignen würden und wie diese im Rahmen der geltenden Zuständigkeiten ggf für einen Bürgerhaushalt anteilig gebündelt werden können.
Ziel soll es sein, den Bürgerinnen und Bürgern des Bezirks eine direkte und nachvollziehbare Beteiligung an der Verwendung öffentlicher Mittel zu ermöglichen. Der Bürgerhaushalt soll so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen erreicht werden, unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigt werden und die Umsetzung der ausgewählten Projekte transparent nachvollzogen werden kann.
Zugleich soll dargestellt werden, wie ein solches Pilotprojekt begleitet und ausgewertet werden kann, um auf dieser Grundlage über eine mögliche Verstetigung und Weiterentwicklung des Instruments im Bezirk Harburg zu entscheiden.
Die Darstellung soll im Wege einer Präsentation mit anschließender Diskussion im Haushaltsausschuss erfolgen.
Die Erkennung von Orten anhand des Textes der Drucksache kann ungenau sein. Es ist daher möglich, das Orte gar nicht oder falsch erkannt werden.