21-2832.01

Antwort zur Anfrage SPD betr. Beratungsangebote für queere Kinder und Jugendliche im Bezirk Harburg

Antwort/Stellungnahme gem. § 27 BezVG

Letzte Beratung: 09.05.2023 Hauptausschuss Ö 1.12

Sachverhalt

Ein Beratungsangebot kann dazu beitragen, diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen, sich sicherer und akzeptierter zu fühlen. Durch Beratung können sie lernen, mit Vorurteilen umzugehen, ihre Identität zu akzeptieren und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Die Beratung kann auch dazu beitragen, Probleme im Zusammenhang mit Coming-out, Familie, Schule oder sozialen Beziehungen zu bewältigen.

Darüber hinaus kann ein Beratungsangebot auch dazu beitragen, die Akzeptanz von queeren Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft zu erhöhen und die Öffentlichkeit für die Herausforderungen und Schwierigkeiten zu sensibilisieren, denen sie gegenüberstehen. In einer Gesellschaft, die von Heteronormativität geprägt ist, ist es wichtig, dass queere Kinder und Jugendliche Unterstützung erhalten und ihre Bedürfnisse und Perspektiven gehört werden.

Deshalb fragen wir die Verwaltung:

1. Welche Angebote gibt es für queere Kinder und Jugendliche im Bezirk Harburg bereits?

2. Welche weiteren Angebote sind im Bezirk aktuell in Planung?

3. An welche Altersgruppen richten sich die bisher bestehenden Angebote?

4. Wie werden die bestehenden Angebote angenommen?

5. Gibt es in den Schulen im Bezirk Harburg spezielle Angebote für queere Kinder und Jugendliche?

6. Welche Angebote für die Eltern queerer Kinder und Jugendliche gibt es im Bezirk Harburg?

BEZIRKSVERSAMMLUNG HARBURG

Der Vorsitzende

12. April 2023

Die Behörde für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration (Sozialbehörde) nimmt unter Einbeziehung der Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke (BWFGB) und der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) zu der o. g. Anfrage wie folgt Stellung:

Die Angebote der regionalen Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) richten sich grundsätzlich an alle jungen Menschen und sind an deren Lebenswelten ausgerichtet. Orientiert an den Bedarfen der jungen Menschen sind auch Angebote für spezielle Zielgruppen möglich. Dies gilt z.B. für queere junge Menschen, die in einem geschützten Raum ihre Themen individuell bzw. mit weiteren queeren Peers besprechen wollen.

Zur Umsetzung des Prinzips der Offenheit gehört die aktive Einbeziehung und Gleichstellung aller. In einem weiten Vielfaltsverständnis erkennen die Fachkräfte die Vielfalt junger Menschen bezüglich ihrer sozialen Herkunft, Werteorientierung, Kultur, ihres Alters, ihrer körperlichen und/oder geistigen Verfasstheit, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer geschlechtlichen Identität an und greifen dies in ihrer Konzept- und Angebotsgestaltung auf.

Jenseits von Geschlechtergrenzen unterstützt die Offene Kinder- und Jugendarbeit Kinder und Jugendliche dabei, ihre individuellen Stärken, Fähigkeiten, Neigungen und Interessen zu erkennen und auszubauen. Sie bieten ihnen die Möglichkeit, die vielfältigen Rollen- und Geschlechterbilder kennenzulernen und zu reflektieren. Die Fachkräfte bestärken junge Menschen, einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln. Dazu gehört, dass sich Kinder und Jugendliche selbst einem Geschlecht zuordnen oder keine Festlegung treffen können.

Ziel der Fachkräfte ist es, jungen Menschen zu einer gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verhelfen und ihre selbstbestimmte Sexualität und geschlechtliche Identität zu unterstützen. Dabei fördern die Fachkräfte ein Verständnis von Normalität, das Vielfalt als Bereicherung begreift.

Die Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wirken jeglicher Diskriminierung und Ausgrenzung entgegen. Sie handeln und gestalten mit den jungen Menschen einen diskriminierungsfreien und wertschätzenden Kontakt und Umgang innerhalb und zwischen den verschiedenen Zielgruppen aus. In den Angeboten erleben sie die vielfältigen Formen des Denkens, Fühlens und Handelns und erarbeiten gemeinsam ein respektvolles Miteinander. Kinder und Jugendliche erfahren, Menschen anderen Geschlechts und Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen und Identitäten als der eigenen respektvoll und tolerant zu begegnen.

Bei den Angebotsplanungen berücksichtigen die Fachkräfte die individuellen Anforderungen der jeweiligen Zielgruppen, insbesondere bei den Zugängen, der Nutzbarkeit der Angebote und den Mitwirkungsmöglichkeiten. Entsprechende Kooperationen, z.B. mit den queeren Organisationen, können die Ausgestaltung von Angeboten für queere junge Menschen unterstützen.

Der Senat versteht Gleichstellungspolitik als Querschnittsaufgabe, dementsprechend als Teil einer jeden Fachpolitik. Dabei nehmen die Senatsämter, Fachbehörden und Bezirksämter ihre Aufgaben eigenverantwortlich wahr. Dazu gehört auch, die erforderlichen Sach- und Personalressourcen durch die zuständigen Fachbehörden, Senatsämter und Bezirksämter zur Verfügung zu stellen. Der Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke (BWFGB) obliegt eine steuernde, koordinierende und ressortübergreifende Funktion.

  1. Welche Angebote gibt es für queere Kinder und Jugendliche im Bezirk Harburg bereits?

Im Bezirk Harburg werden Angebote für queere Kinder und Jugendliche nicht regelhaft vorgehalten. Bei Bedarfsmeldung seitens der jungen Menschen können Angebote mit den Nutzenden z.B. in den Einrichtungen der OKJA geplant und umgesetzt werden.

Die BWFGB fördert überregionale Angebote für queere junge Menschen, die allen interessierten Jugendlichen offenstehen. Dies sind Projekte bei den Trägern

  • Magnus-Hirschfeld-Centrum e.V.:
    • Projekt Jugendarbeit: Offene Jugendarbeit für LSBTIQ*Jugendliche, Beratung, Veranstaltungen, Projekte, Treffs
    • Projekt Selbstbewusst Trans*: Beratungs- und Akzeptanzarbeit
  • Intervention e.V.:
    • Projekt JungLesben*Zentrum: Offene Jugendarbeit für lesbische/bisexuelle und transgender Frauen* und Mädchen*, Beratung und (Sonder-)Veranstaltungen
  1. Welche weiteren Angebote sind im Bezirk aktuell in Planung?

Aktuell sind keine Angebote im Bezirk Harburg in Planung.

Mitte 2023 beginnt die Sozialbehörde mit den Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe die „Leitlinien für eine geschlechterreflektierende Kinder- und Jungenarbeit / Pädagogik“ partizipativ für das Bundesland Hamburg bis 2025 zu erstellen. Darin werden die Qualitätsansprüche für die queere Jugendarbeit, neben der etablierten Mädchen- bzw. Jungenarbeit, erstmalig erstellt.

Parallel zur Leitlinienentwicklung baut die Sozialbehörde eine hamburgweite Arbeitsgruppe zur geschlechterreflektierenden Kinder- und Jugendarbeit auf. Ziel ist es die o. g. Leitlinien im Arbeitsfeld zu implementieren und umzusetzen.

  1. An welche Altersgruppen richten sich die bisher bestehenden Angebote?

Die Altersgruppen im Bezirk Harburg entsprechen dem SGB VIII.

  • Magnus-Hirschfeld-Centrum e.V.:
  • Projekt Jugendarbeit: 12 bis unter 27jährigen und deren Eltern als Zielgruppe, dabei stellen die 14-21jährigen die Hauptnutzenden dar.
  • Projekt Selbstbewusst Trans*: Keine Altersbeschränkung
  • Intervention e.V.:
  • Projekt JungLesben*Zentrum: 12 bis unter 27jährige und deren Eltern. Hauptnutzende sind die 16-23jährigen.
  1. Wie werden die bestehenden Angebote angenommen?
  • Magnus-Hirschfeld-Centrum e.V.: (Quellen: Sachberichte 2020 bzw. 2021)
  • Projekt Jugendarbeit: 821 Nutzende bei Präsenzangeboten, 494 Nutzende bei Onlineangeboten; Beratung: 2021 wurden insgesamt 134 Beratungen durchgeführt. Davon waren 64 persönlich, 55 telefonisch und 15 schriftlich.
  • Projekt Selbstbewusst Trans*: Die Anzahl der Beratungskontakte ist von 95 in 2016 auf 1422 in 2021 gestiegen. Der Anteil der unter 27-Jährigen ist hoch, die Gruppe machte ca. ein Viertel im Jahr 2018, ein Drittel im Jahr 2019 und 40% im Jahr 2020 aus. Die Anzahl der unter 18- Jährigen verdreifachte sich im Jahr 2019 und stieg im Jahr 2020 weiter an.
  • Intervention e.V.:
  • Projekt JungLesben*Zentrum: Offene Jugendarbeit/Veranstaltungen: 1.116 Nutzende, Beratung: 172 Nutzende, Sonderveranstaltungen: 161 Nutzende
  1. Gibt es in den Schulen im Bezirk Harburg spezielle Angebote für queere Kinder und Jugendliche?

Die schulinternen Maßnahmen zu diesem Thema werden von der für Bildung zuständigen Behörde nicht regelhaft erfasst. Die Einzelschule entscheidet im Rahmen ihrer Selbstverantwortung, wie und ggf. mit welchen außerschulischen Kooperationspartnern sie die Vorgaben zum Bildungs- und Erziehungsauftrag sowie aus den Bildungsplänen umsetzt.

Der Arbeitsbereich Sexualerziehung und Gender der Abteilung Beratung – Vielfalt, Gesundheit und Prävention am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) unterstützt Schulen und einzelne schulische Fach- und Lehrkräfte durch sein Beratungs- und Fortbildungsangebot in der Umsetzung der Vorgaben, aber auch bei der Unterstützung einzelner Kinder und Jugendlichen.

Insbesondere Klassenlehrkräfte, schulische Beratungsdienste und Beratungslehrkräfte nehmen anlassbezogen Kontakt für individuelle Beratung im Rahmen der Betreuung queerer Kinder und Jugendlicher zum LI auf. Diese individuellen Beratungen münden regelmäßig in Fortbildungsanfragen, denen der Arbeitsbereich mit zwei festen Abrufangeboten begegnet:

In diesen multiprofessionell ausgerichteten Fortbildungen wird grundlegendes Wissen zur sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität präsentiert. Teilnehmende erhalten Hinweise, wie Kinder und Jugendliche gut begleitet und unterstützt werden können. Bausteine für ein diskriminierungsfreies Schul- und Lernklima werden vorgestellt. Darüber hinaus unterstützt der Arbeitsbereich Sexualerziehung und Gender auf Wunsch auch bei der Entwicklung von schulischen Konzepten zu mehr Akzeptanz der Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechteridentitäten.

Im Bezirk Harburg wurden in den drei letzten Schuljahren die schulinternen Angebote vom Gymnasium Süderelbe, dem Gymnasium Finkenwerder, der Beruflichen Schule Hamburg-Harburg (BS 18), der Katholischen Schule Harburg sowie der Rudolf-Steiner-Schule Harburg genutzt. Außerdem ist die Goethe-Schule-Harburg durch Lehrkräfte im LI-Arbeitskreis Vielfalt (AK Vielfalt) vertreten. Der LI-AK Vielfalt ist ein regelmäßig stattfindendes Treffen von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die im Kontext Schule zum Themenfeld sexuelle und geschlechtliche Vielfalt arbeiten sowie schulischen Fach- und Lehrkräften.

Besonders eng arbeitet das LI mit folgenden Kooperationspartnerinnen und -partnern zusammen:

  • Soorum heißt eine Aufklärungsgruppe, die für Schulklassen ab der 9. Jahrgangsstufe Workshops zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt im Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc) durchführt. Die Jugendlichen treffen auf junge, ehrenamtlich tätige und ausgebildete Teamerinnen und Teamer aus der queeren Community. Hier können Fragen gestellt werden, und es entsteht ein Dialog, der Vorurteile und Diskriminierung abbaut sowie Akzeptanz schafft (siehe https://www.mhc-hh.de/qualifizierung-und-aufkl%C3%A4rung/soorum-aufkl%C3%A4rungsprojekt/). Dieses Angebot wird von der BSB und der BWFGB finanziert. Darüber hinaus bietet das mhc Beratungen für Kinder und Jugendliche mit ihren Sorgeberechtigten an. Gut genutzt werden auch die einmal monatlich stattfindende Freizeittreffen für Jugendliche und Jungerwachsene (siehe https://www.mhc-hh.de/jugend-und-elternarbeit/jugendgruppen/).
  • Peer4Queer ist ein Projekt der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e.V. (KWB). Es unterstützt queere Jugendliche in Hamburg in ihrer Selbstfindung durch Mentorinnen und Mentoren. Hierfür trifft sich ein Mentor (zwischen 18 und 29 Jahren) mit einem Mentee (unter 25 Jahren) als Tandem mindestens zweimal im Monat, und sie kommunizieren einmal pro Woche. Sie werden im gesamten Prozess von dem Projektteam begleitet. Außerdem arbeitet das Projektteam mit Schulen zusammen, um Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, sich für die Anliegen queerer Menschen einzusetzen (siehe https://www.peer4queer.de/).
  • Das bei Jungenarbeit Hamburg e.V. angesiedelte Projekt talk about ist ein sexualpädagogisches Angebot für Schülerinnen und Schüler, geflüchtete Jugendliche und Erwachsene, Jugendliche in Wohngruppen, Lehrkräften und Pädagoginnen und Pädagogen sowie Eltern und Sorgeberechtigte (siehe https://www.jungenarbeit.info/unsere-angebote/talk-about). In diesem Rahmen wird die Thematik regelhaft aufgegriffen und im Einzelfall unterstützt.
  • Das Youthwork Team der Hamburger Aidshilfe vermittelt mit dem Workshopmodul Plietsch (für Jugendliche und junge Erwachsene ab 12 Jahren) Wissen und Kompetenzen zu den Themen geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung. In Workshops bietet ein ehrenamtliches Team die Möglichkeit, mit jungen lesbischen, schwulen, bi, trans*, inter* und queeren Menschen ins Gespräch zu kommen. In der direkten Begegnung erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer authentische Einblicke in bisher scheinbar unbekannte Lebensweisen und hinterfragen gängige Vorurteile und Klischees (siehe https://www.aidshilfe-hamburg.de/workshops/youthwork).

Ausgehend von Beratungsgesprächen stellt das LI je nach Bedarf der schulischen Fach- und Lehrkräfte den Kontakt zu einem passenden externen Anbieter her. Das LI vermittelt allerdings nicht zwischen Jugendlichen und externen Anbieterinnen und Anbietern. Schulisches Personal, insbesondere der jeweilige schulische Beratungsdienst bzw. die Beratungslehrkräfte, entscheiden in Abwägung und Absprache mit den Sorgeberechtigten, inwiefern externe Beratungsmöglichkeiten ergänzend zur schulinternen Beratung als sinnvoll erachtet werden. Auch das Regionale Bildungs- und Beratungszentrum Harburg (ReBBZ) und das Beratungszentrum Berufliche Schulen (BZBS) stehen den Schulen zur Verfügung.

  1. Welche Angebote für die Eltern queerer Kinder und Jugendliche gibt es im Bezirk Harburg?

Queere Beratungsangebote für Eltern sind im Bezirk Harburg nicht bekannt.

Die unter Frage 1 genannten und von der BWFGB geförderten Beratungsangebote stehen ebenfalls Eltern zur Verfügung. Diese werden entweder persönlich oder telefonisch beraten.

gez. Heimath

f.d.R.

Hille

Bera­tungs­reihen­folge
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Lokalisation Beta
Gymnasium Süderelbe Rudolf Steiner Schule Harburg Goethe-Schule Harburg

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