22-1107.01

Stellungnahme der Behörde für Kultur und Medien zum Gemeinsamen Antrag der Abgeordneten Benizar Gündogdu (SPD), Mehmet Kizil (SPD), Markus Sass (SPD), Arne Thomsen (SPD) und Dennis Wacker (SPD) betr. Denkmal für Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter im Bezirk Harburg - Würdigung, Sichtbarmachung und Beteiligung

Antwort/Stellungnahme gem. § 27 BezVG

Letzte Beratung: 30.04.2026 Kulturausschuss Ö 9.1

Sachverhalt

Harburg wurde durch Hafen, Industrie, Handwerk und Dienstleistungen über Jahrzehnte maßgeblich vom Einsatz und der Lebensleistung migrantischer Arbeitskräfte geprägt.

Ab den 1950er- und 1960er-Jahren kamen im Rahmen der sogenannten Anwerbeabkommen hunderttausende Menschen aus Südeuropa, der Türkei und Nordafrika nach Deutschland, auch nach Harburg. Sie arbeiteten in Werften, Fabriken, Reinigungsbetrieben, in der Pflege und Gastronomie. Ihre Arbeit, oft unter schwierigen Bedingungen und fern der Heimat, bildete eine tragende Säule des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Viele dieser Männer und Frauen litten unter Diskriminierung, Heimweh und beengten Lebensverhältnissen und fanden dennoch Wege, sich ein neues Zuhause zu schaffen. Sie gründeten Familien, engagierten sich in Vereinen, eröffneten Geschäfte und prägten mit ihrer Kultur und Vielfalt den Bezirk.

Bis heute existiert in Hamburg kein Denkmal, das die Leistungen und Erfahrungen der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter würdigt. Dabei gehört ihre Geschichte untrennbar zur Identität der Stadt und des Bezirks.

Ein solches Denkmal soll:

  • die Arbeits- und Lebensbedingungen der ersten Generation sichtbar machen,
  • sowohl die Schmerzpunkte (Heimweh, Diskriminierung, Trennung) als auch die positiven Aspekte (Neuanfang, Zusammenhalt, Vielfalt, Zukunft der Kinder) ausdrücken,
  • und einen Ort der Anerkennung, Bildung und Begegnung schaffen.

Beispiele aus anderen Städten belegen den gesellschaftlichen und kulturellen Wert solcher Projekte:

  • In rth (2021) wurde eine Stele mit Inschrift und einem Kastanienbaum als Symbol des „Einwanderns“ errichtet ein Denkmal des Dankes und der Integration.
  • In Dortmund (seit 2021)uft ein offener Kunstwettbewerb mit starker Bürgerbeteiligung. Dort entstehen eine Bodeninstallation („Arbayt“) und ein „Mosaik der Identitäten“nstlerisch moderne Formen der Erinnerung. (Denkmal für Gastarbeiter*innen | dortmund.de)
  • In Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg (2024) hat die Bezirksverordnetenversammlung die Errichtung eines Gastarbeiter*innen-Denkmals beschlossen, begleitet durch eine partizipative Konzeptphase.

Diese Projekte zeigen, dass offene Wettbewerbe mit Jurybeteiligung und Beteiligung der migrantischen Communities zu hoher Identifikation und künstlerischer Qualität führen.

Harburg, als industriell geprägter und vielfältiger Bezirk, eignet sich in besonderer Weise, diesen Schritt zu gehen und mit einem Denkmal ein dauerhaftes Zeichen von Dankbarkeit, Respekt und Zusammenhalt zu setzen.


Petitum/Beschluss

Die Bezirksversammlung Harburg möge beschließen:

  • Die Verwaltung wird beauftragt, die Errichtung eines Denkmals für Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter im Bezirk Harburg zu initiieren.
  • Das Denkmal soll:
    • die Arbeits- und Lebensleistung der Gastarbeitergeneration würdigen,
    • ihre Erfahrungen von Arbeit, Entbehrung, Heimweh, Diskriminierung, Hoffnung und Vielfalt künstlerisch sichtbar machen,
    • und als öffentlicher Ort der Begegnung, Bildung und des Respekts gestaltet werden.
  • Zur Umsetzung wird ein offener künstlerischer Wettbewerb ausgeschrieben.
    • Der Wettbewerb wird durch eine unabhängige Jury begleitet.
    • Die Jury soll sich zusammensetzen aus Vertreterinnen des Bezirksamts, der Bezirksversammlung, des Integrationsrats, Fachjurorinnen (Kunst / Migrationsgeschichte) sowie Vertreterinnen zivilgesellschaftlicher Migrantinnenorganisationen.
  • Das Bezirksamt prüft geeignete Standorte im Bezirk Harburg, insbesondere Orte mit historischem Bezug zur Arbeitsmigration (z. B. Binnenhafen, Harburger Rathausumfeld, Phoenix-Viertel, Neuenfelde).
  • Die Ausschreibung soll Beteiligungsformate vorsehen, etwa Erzählcafés, Zeitzeugengespräche oder Schulprojekte, deren Ergebnisse den teilnehmenden Künstler*innen als inhaltliche Grundlage dienen.
  • Das Denkmal soll mehrsprachige Elemente enthalten (z. B. Inschrift, Audio- oder QR-Codes in den Herkunftssprachen), um Zugänglichkeit und Identifikation zu fördern.
  • Das Bezirksamt wird beauftragt, mögliche Förderquellen (Bund, Land, Stiftungen, Wirtschaft, Gewerkschaften) zu prüfen und ein Finanzierungs- und Umsetzungskonzept vorzulegen.
  • Über den Stand der Planung, Finanzierung und Standortauswahl ist der Ausschuss für Kultur zu unterrichten.Der Ausschuss für Soziales, Integration, Gesundheit und Inklusionge zugeladen werden.
  • Die Bezirksverwaltung wird gebeten, den Beschluss der Bezirksversammlung an die BKM für den Prozess zum Einwanderungsmuseum zu übersenden und sich gegenüber der BKM dafür einzusetzen, dass ein Denkmal für GastarbeiterInnen in Harburg errichtet und aus den zur Verfügung stehenden Mitteln finanziert wird.








BEZIRKSVERSAMMLUNG HARBURG

Der Vorsitzende



2. März 2026

Die Behörde für Kultur und Medien (BSFB) nimmt zu dem o.g. Antrag der Fraktionslosen Abgeordneten, Drs. 22-1107, wie folgt Stellung:

r die Dokumentation, Erschließung und Vermittlung von Migration und damit verbundene Aspekte soll mit dem „Forum der Migration“ eine „Plattform“ oder „Forum“ geschaffen werden, um in Hamburg eine erweiterte Möglichkeit der Begegnung, der Information, des Austauschens und des Bewahrens zu ermöglichen. Diese „Plattform“, deren konkrete Ausformung im Rahmen des Prozesses erst entwickelt werden wird, soll über das, was in verschiedenen Museen in Hamburg bisher an Migrationsgeschichte behandelt wird,hinaus gehen. Sie widmet sich der Einwanderung nach Hamburg im 20. und 21. Jahrhundert und ihrer Bedeutung für die pluralistische Gesellschaftsordnung und -geschichte Hamburgs. Dieser Ort soll sich an alle Hamburger Bürgerinnen und Bürger und insbesonderean die Menschen richten, die einen persönlichen Beitrag zur Geschichte der Migration nach Deutschland im 20. und 21. Jahrhundert leisten möchten und sich gleichzeitig mit anderen Interessierten austauschen möchten.

Beim Aufbau des Forums der Migration wird die Geschichte der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter daher eine wichtige Rolle einnehmen. Der Aufbau des Forums wird als transparenter Prozess durchgeführt werden und Möglichkeiten für die Öffentlichkeit und einzelne Interessengruppen bieten, ihre Impulse und Anregungen einzubringen. Eine für das Forum der Migration angemessene Form der Würdigung, Erinnerung und Ehrung der Lebensleistung von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern und deren Nachfahren beinhaltet einen umfassenden Blick auf das gesamte Lebensumfeld aus möglichst vielfältigen Blickwinkeln. Eine museale Aufarbeitung muss dabei aktivierende Vermittlungs-formate, Räume für Begegnung und Aufarbeitung sowie Räume für Aneignung bieten. Idealerweise wird das Forum der Migration unter Beteiligung von einer breiten Öffentlichkeit und insbesondere mit Gastarbeiterinnen und Gastarbeiterin und deren Nachfahren selbst erarbeitet und selbst gestaltet.


Dieser Prozess befindet sich in der Entwicklung in der BKM und wird von dort zusammen mit einem externen Prozesssteuerungsteam begleitet werden. Zu dessen Aufgaben gehört auch die Entwicklung von Beteiligungsformaten, die sich u.a. in Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen (z.B. zur Errichtung eines Denkmals o.ä.) ausdrücken könnten. Dabei ist zu erwarten, dass es sehr unterschiedliche Erwartungen an einen solchen Ort gibt und auch darüber, welche Geschichten überhaupt erzählt werden sollen. Die BKM wird hier daher keine Präjudiz zu einzelnen gesetzten Themen im Vorwege festlegen.

Zum Themenkomplex „rdigung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“ siehe im Übrigen Bürgerschafts-Drs. 22/17339.

gez. Böhm

f.d.R. Leptien

Bera­tungs­reihen­folge
Datum/Gremium
TOP
30.04.2026
Ö 9.1
Lokalisation Beta
Phoenix-Viertel Neuenfelde

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