22-0826

Bergedorf kippt die Kippe – Maßnahmen zur Aufklärung und Sensibilisierung von Raucher*innen

Antrag

Letzte Beratung: 28.05.2026 Bezirksversammlung Bergedorf Ö 13.4

Sachverhalt

Antrag

der BAbg.Scherhaufer und Fraktion der GRÜNEN

Sachverhalt

Die weggeschnippte Zigarette - oftmals sind dies gedankenlose Handlungen.

Zigarettenkippen sind das weltweit am häufigsten achtlos weggeworfene Abfallprodukt und zugleich ein erheblich unterschätztes Umweltproblem. Jährlich werden rund 4,5 Billionen Zigarettenstummel unsachgemäß entsorgt. Was oft als Bagatelldelikt wahrgenommen wird, verursacht tatsächlich erhebliche ökologische Schäden und hohe Kosten für die Allgemeinheit.

Eine einzelne Zigarettenkippe enthält tausende Schadstoffe, darunter Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Chrom sowie giftige Substanzen wie Benzol und Nikotin. Letzteres ist hoch wasserlöslich: 30 Minuten Regen genügen, um bereits die Hälfte des Nervengifts aus einem Zigarettenfilter auszuwaschen. Schon nach kurzer Zeit gelangen folglich die Schadstoffe in Böden sowie Gewässer. Studien zeigen, dass bereits eine einzige Kippe bis zu 1.000 Liter Wasser mit Nikotin kontaminieren kann.

Gleichzeitig bestehen Zigarettenfilter aus dem Kunststoff Celluloseacetat, der sich erst nach etwa 10 bis 15 Jahren zersetzt und dabei Mikroplastik freisetzt. Bereits heute wurde dieses Material selbst in arktischem Meereis nachgewiesen. Die Verbraucherzentrale NRW schreibt auf ihrer Website, dass laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2022 pro Jahr bis zu40 Tonnen Mikroplastik allein aus Zigarettenfiltern in die Umwelt gelangen.

Gelangen Zigarettenreste über Gullys in die Kanalisation, tragen sie zur Belastung von Gewässern bei. Aktuelle Forschungsergebnisse belegen zudem bislang wenig beachtete ökologische Folgen: So können ausgewaschene Stoffe aus Zigarettenfiltern das Wachstum giftiger Blaualgen indirekt fördern, was ökologische Gleichgewichte stört und im Extremfall zu Gewässersperrungen führt.

Neben Umweltfolgen bestehen auch konkrete Gesundheitsrisiken. Zigarettenstummel stellen insbesondere für Kleinkinder eine Gefahr dar, wenn sie aufgenommen werden. Der Berliner Giftnotruf verzeichnet jährlich fast 1.000 Anrufe wegen von Kindern verschluckter Zigarettenstummel. Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) kann das Verschlucken von nur ein bis drei Stummeln bei Kleinkindern Symptome einer Nikotinvergiftung hervorrufen. Auch Tiere sind betroffen. Viele Tiere verwechseln Kippen mit Nahrung. Vögel und Fische sind dadurch giftigen Substanzen ausgesetzt, die Krankheiten verursachen oder tödlich sein können. Vögel wie der Hausgimpel nutzen die Filter sogar für den Nestbau, was zu genotoxischen Schäden bei Küken führen kann.

Darüber hinaus verursacht Zigarettenmüll erhebliche Reinigungskosten für Kommunen. Die Beseitigung ist aufwendig, da es sich um kleine, schwer aufnehmbare Abfälle handelt. Gleichzeitig können verstopfte Gullys das Risiko von Überschwemmungen bei Starkregen erhöhen.

Situation und Handlungsbedarf in Bergedorf

Auch im Bezirk Bergedorf ist Zigarettenmüll im öffentlichen Raum sichtbar präsent insbesondere an Haltestellen wie z. B. Mohnhof, auf Spielplätzen, in Grünanlagen und an stark frequentierten Orten. Trotz bestehender Maßnahmen, wie Öffentlichkeitskampagnen zur korrekten Entsorgung von Kaugummis und Zigarettenkippen der BUKEA unter Beteiligung der Stadtreinigung Hamburg (SRH) in 2024 und 2025, dem Einsatz von „Waste Watchern+“ sowie vorhandenen Aschenbechern an Mülleimern, bleibt das Problem bestehen.

Erfahrungen aus anderen Kommunen zeigen, dass Bußgelder allein nicht ausreichen, um das Verhalten nachhaltig zu verändern. Erfolgreich sind vielmehr Kombinationen aus Aufklärung, niedrigschwelligen Angeboten und gezielter Ansprache im öffentlichen Raum.

So hat der Landkreis Stade mit einer mehrstufigen Kampagne („Kippenfreier Landkreis Stade“) durch kreative Maßnahmen wie Gully-Markierungen, Öffentlichkeitsarbeit im ÖPNV, kostenlose Taschenaschenbecher und Sammelaktionen eine hohe Aufmerksamkeit und positive Resonanz erzielt. Auch Städte wie Augsburg setzen erfolgreich auf die direkte Ansprache von Raucherinnen und Rauchern sowie auf zusätzliche Aschenbecher-Infrastruktur.

Im Bezirk Wandsbek wurde geprüft, ob alternative Abfallbehälter sogenannte Abstimmaschenbecher aufgestellt werden sollen, um die Raucherinnen und Raucher auf spielerische Weise davon abzubringen, ihre Zigarettenkippe auf den Boden zu werfen. In Städten wie Stuttgart, Berlin und Hanau konnten unter dem Motto „Tippen statt Kippen“ schon viele Raucherinnen und Raucher überzeugt werden mitzumachen.

Auch die im April 2025 in Mölln installierten Kippenboxen sind offensichtlich erfolgreich und sorgen für mehr Sauberkeit im Stadtgebiet.

Diese Beispiele zeigen, dass eine lokal angepasste, sichtbare und niedrigschwellige Kampagne und sinnvolle Maßnahmen auch für Bergedorf geeignet sind, um das Problembewusstsein zu stärken und Verhaltensänderungen zu erreichen.

Petitum/Beschluss

Die Bezirksversammlung beschließt nach § 19 Absatz 2 BezVG, die Bezirksamtsleitung zu beauftragen,

  1. zu prüfen, welche Maßnahmen im Bezirk Bergedorf ergriffen werden können, um das achtlose Wegwerfen von Zigarettenstummeln im öffentlichen Raum zu minimieren. Dabei sollen insbesondere die Erfahrungen anderer Kommunen wie des Landkreises Stade und der Stadt Augsburg ausgewertet und auf Bergedorf übertragen werden. Über das Konzept und die Bewertung der Maßnahmen inkl. Budget ist dem Ausschuss für Umwelt und Klimaschutz bis Dezember 2026 zu berichten;
  2. zu prüfen, ob für die bezirkliche Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne auch Künstlerinnen und Künstler aus Bergedorf bei der Gestaltung unter Einbeziehung des Kulturausschusses beteiligt werden können. Es könnte z. B. ein Wettbewerb stattfinden und dadurch eine höhere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erzielt werden. Ziel ist, die ökologischen Folgen achtlos entsorgter Zigarettenreste zu verdeutlichen und zur verantwortungsvollen Entsorgung zu motivieren;
  3. Schwerpunktorte wie z. B. den Mohnhof zu identifizieren, an denen Informationstafeln oder prägnante Slogans aufgestellt werden können, die über die Umweltbelastung durch achtlos weggeworfene Zigarettenstummel informieren;
  4. in Abstimmung mit der Verkehrsbehörde und den zuständigen ÖPNV-Unternehmen zu prüfen, ob die neu konzipierten Informationsmaterialien (z. B. Plakate oder Videoclips) in Bussen und S-Bahnen im Bezirk eingesetzt werden können;
  5. potenzielle Sponsoren für die Finanzierung des Vorhabens zu identifizieren.
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