22-1469

Gemeinsamer Antrag Fraktion Die Linke, GRÜNE-Fraktion und SPD-Fraktion betr.: Dekoloniale Aufarbeitung in Harburg - Historische Einordnung und Umbenennung der Gaiserstraße

Gemeinsamer Antrag

Sachverhalt

Die Gaiserstraße in Eissendorf ehrt den Harburger Unternehmer Gottlieb Leonhard Gaiser. Während Gaiser lokalpatriotisch oft nur als erfolgreicher Kaufmann wahrgenommen wurde, zeigt der aktuelle Forschungsstand zur Hamburger Kolonialgeschichte ein deutlich problematischeres Bild. Gaiser war ein maßgeblicher Treiber der deutschen Kolonialpolitik und drängte das Deutsche Reich aktiv zur völkerrechtswidrigen „Schutzherrschaft“ über westafrikanische Gebiete. Gaiser errichtete schon 1884/85, durch zweifelhafte Verträge mit dem lokalen Herrscher (Amapetu von Mahin) eine Privatkolonie. Dieser Akt der Landnahme war geprägt von imperialer Ausbeutungslogik und der Missachtung lokaler Souveränität. Gaiser schloss Verträge mit lokalen Herrschern ab, die diese oft nicht in ihrer Tragweite verstehen konnten, und forderte vom Deutschen Reich den offiziellen „Schutz“ für seine Privatkolonie. Der Beginn der „deutschen Schutzgebiete“ und „Schutztruppen“. Gaiser gehörte zu den treibenden Kräften, die Reichskanzler Bismarck dazu drängten, die Gebiete in Westafrika unter deutsche „Schutzherrschaft“ zu stellen. Er war somit ein direkter Akteur des sogenannten ScrambleforAfrica – der rasanten und konkurrierenden Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents.Sein Reichtum basierte auf Handelsstrukturen, die lokale Produzenten in Abhängigkeiten zwangen und die Souveränität afrikanischer Gesellschaften untergruben.

Das Hauptproblem bei der Gaiserstraße ist, dass die Benennung Gaiser als „großen Harburger Bürger“ und wohltätigen Unternehmer ehrt, dabei aber die Basis seines Reichtums – die koloniale Landnahme und Ausbeutung – völlig ausblendet.Im Gegensatz zu Figuren wie Wissmann (der für militärische Gewalt steht), repräsentiert Gaiser den „ökonomischen Kolonialismus“.

In Anlehnung an das Hamburger Konzept „Hamburg dekolonisieren!“ von 2024 und die Empfehlungen der NS- und Kolonialkommissionen ist es daher nicht länger tragbar, Akteuren der kolonialen Landnahme einen ehrenden Platz im öffentlichen Raum einzuräumen. Und eine Straßenbenennung ist eine solche Ehrung durch das Gemeinwesen.

Die Linksfraktion Harburg legt Wert darauf, die Anwohnenden bei diesem Prozess mit einzubeziehen. Deshalb schlagen wir ein zweistufiges Verfahren vor: Erst die fundierte Aufklärung und der Dialog, dann die konsequente Umbenennung. Die vorgeschlagenen Namen „Amapetu“ oder „Mahin“ sind ein notwendiger Schritt, um die koloniale Einseitigkeit unserer Erinnerungskultur zu durchbrechen und den Widerstand sowie die Geschichte der afrikanischen Partnerländer sichtbar zu machen.

Petitum/Beschluss

1. Das Bezirksamt Harburg wird gebeten, zeitnah ein Informationsblatt an alle Haushalte der Gaiserstraße zu versenden. Dieses soll objektiv über die koloniale Verflechtung des Namensgebers Gottlieb Leonhard Gaiser und dessen Rolle bei der Landnahme in Westafrika (Mahinland) aufklären.

2. Das Bezirksamt organisiert in Kooperation mit der Initiative „Hamburg dekolonisieren!“ und lokalen zivilgesellschaftlichen Akteuren (z. B. Harburg postkolonial) eine öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltung im Stadtteil Eissendorf. Ziel ist der Dialog mit den Bürger*innen über die Notwendigkeit einer veränderten Erinnerungskultur.

3. Im Anschluss an die Informationsphase wird der Regionalausschuss Harburg gebeten, das Verfahren zur Umbenennung der Gaiserstraße einzuleiten. Als favorisierte Namensvorschläge gehen aus diesem Prozess die Benennungen Amapetu-Straße“ (nach dem König von Mahin) oder „Mahin-Straße“ (nach dem betroffenen Gebiet) hervor, um die Perspektive der vom Kolonialismus Betroffenen in den Vordergrund zu rücken.

4. Das Bezirksamt wird gebeten, sicherzustellen, dass den Anwohnenden und ansässigen Gewerbetreibenden durch die Umbenennung keine Gebühren entstehen. Insbesondere sind die notwendigen Änderungen in amtlichen Dokumenten (z. B. Personalausweise, Reisepässe, Fahrzeugpapiere) kostenfrei vorzunehmen. Zudem soll das Bezirksamt proaktiv Drittstellen (wie Post, Verlage, Rettungsdienste und Kartendienste) über die Umbenennung informieren, um den individuellen Aufwand für die Bürger*innen zu minimieren.

Zur Kostenfreiheit: Eine Umbenennung darf nicht zu einer finanziellen Belastung für die Anwohnenden führen. Die Erfahrung aus anderen Hamburger Umbenennungsverfahren zeigt, dass der Widerstand oft nicht inhaltlicher Natur ist, sondern sich an den befürchteten Kosten und dem Zeitaufwand entzündet. Durch eine konsequente Gebührenbefreiung und einen bürger*innenfreundlichen Service (z. B. durch ein mobiles Kundenzentrum oder spezielle Terminfenster im Bezirksamt) stellt die Stadt sicher, dass die historisch notwendige Aufarbeitung nicht auf dem Rücken der Bürger*innen ausgetragen wird.

Lokalisation Beta
Gaiserstraße Eißendorf

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