Wie steht es um die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten im Bezirk Hamburg-Nord? Anfrage gem. § 27 BezVG
Geflüchtete Menschen sind häufig besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt. Fluchterfahrungen, Krieg, Verfolgung sowie unsichere Lebensbedingungen können zu Traumafolgestörungen führen. Eine frühzeitige psychosoziale und therapeutische Versorgung ist daher zentral für Integration und Teilhabe sowie zur Prävention von Chronifizierung und Krisen.
Seit 2015 wurden in Hamburg spezialisierte Angebote zur psychosozialen und traumatherapeutischen Behandlung von Geflüchteten geschaffen. Die psychosoziale Beratung erfolgt maßgeblich durch die Träger SEGEMI [1], Diakonie [2] Hamburg und Lichtpunkt e.V. [3] Diese sind in der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer [4] (BAfF) vernetzt. Ergänzend koordiniert seit 2020 das Koordinierende Zentrum für traumatisierte Geflüchtete [5] (CENTRA) die Versorgung.
Auch vor dem Hintergrund der im Koalitionsvertrag über die Zusammenarbeit in der Hamburgischen Bürgerschaft zwischen der SPD, Landesorganisation Hamburg, und Bündnis 90/Die Grünen, Landesverband Hamburg [6], 2025 formulierten Zielsetzungen stellt sich die Frage, inwieweit die bestehenden Angebote aktuell ausreichen, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.
Die Behörde für Gesundheit, Soziales und Integration (Sozialbehörde) nimmt zu der o. g. Anfrage teilweise auf Grundlage von Auskünften von F&W Fördern und Wohnen AöR (F&W) und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wie folgt Stellung:
Zum Stichtag 30.04.2026 lebten 38.968 Menschen in öffentlich-rechtlicher Unterbringung. Davon lebten 7.586 Menschen im Bezirk Hamburg-Nord.
Die fünf größten Unterkünfte in Hamburg nach SOLL-Kapazität (Stand 30.04.2026)
Unterkünfte |
SOLL-Kapazität |
Am Gleisdreieck 2-23 |
1.298 |
Überseering 26 |
1.100 |
Haferblöcken |
834 |
Raja-Ilinauk-Straße 1-39 |
800 |
Eiffestraße 62a |
773 |
Die fünf größten Unterkünfte in Hamburg-Nord nach SOLL-Kapazität (Stand 30.04.2026)
Unterkünfte |
SOLL-Kapazität |
Überseering 26 |
1.100 |
Flughafenstraße 64-82 |
564 |
Alstderdorfer Straße 575a (Plaza Inn Hamburg Nord) |
447 |
Langenhorner Chaussee 183 (Leonardo Hotel HH-Airport) |
440 |
Papenreye 36-42 |
399 |
Die psychosoziale Versorgung erfolgt durch ein Angebot unterschiedlicher Beratungs-, Behandlungs- und Sprachmittlungsformate verschiedener Träger. Centra – das koordinierende Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge übernimmt koordinative Aufgaben bei der psychosozialen Versorgung geflüchteter Menschen, die in Hamburg angekommen sind. Die Flüchtlingsambulanz und Centra des UKE stehen allen Geflüchteten zur Verfügung, unabhängig vom Herkunftsland, Fluchthintergrund, Bleiberechts- oder Sozialversicherungsstatus. Centra nimmt für die Versorgung von traumatisierten geflüchteten Personen eine zentrale Rolle ein. Das Zentrum bietet nicht nur selbst psychosoziale Beratung und psychotherapeutische Behandlung an, sondern erschließt über seine Koordinations- und Vernetzungsaufgabe zusätzlich weitere Versorgungskapazitäten innerhalb des Hilfesystems. Durch die Koordination und die enge Zusammenarbeit mit spezialisierten Trägern, anderen psychosozialen Angeboten sowie Einrichtungen der Regelversorgung wird dazu beigetragen, Zugänge zur Versorgung zu verbessern und Versorgungslücken zu reduzieren. Das Angebot umfasst unter anderem auch Dolmetscherleistungen, um Sprachbarrieren im Therapiekontext zu überwinden. Durch verschiedene, auch niedrigschwellige Anlaufstellen oder aufsuchende Dienste einerseits und der Koordination mit Schnittstellen zum Regelsystem andererseits sind Voraussetzungen für Zugänge und Teilhabe geschaffen.
Die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten in Hamburg wird durch ein breites Netzwerk spezialisierter Träger sichergestellt. Zu den zentralen Anlaufstellen zählen Centra - das Koordinierende Zentrum für traumatisierte Geflüchtete, SEGEMI e.V., Lichtpunkt e.V. und die Diakonie. Diese Einrichtungen bieten ein vielfältiges Spektrum an Beratungs- und Behandlungsangeboten, die auf die besonderen Bedarfe geflüchteter Menschen zugeschnitten sind.
Darüber hinaus hat Stabil&gesund GbR im Jahr 2025 40 Personen im Rahmen des Ukraine-Projekts beraten. Das Projekt ist ausschließlich geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern vorbehalten. Die Beratung erfolgt nicht vor Ort in den öffentlich-rechtlichen Unterkünften, sondern in angemieteten Räumlichkeiten. Zusätzlich bietet Stabil&gesund GbR auch eine Stabilisierungssprechstunde direkt vor Ort in mehreren Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen und einer Unterkunft für von gewaltbetroffenen geflüchteten Frauen und deren Kinder an.
Mit der Förderung von SEGEMI e. V., Lichtpunkt e.V. und der Diakonie aus Landesmitteln konnten die Kapazitäten gestärkt werden. Die Mittel für kultursensible Sprachmittlung wurden stetig ausgeweitet. Zusätzlich zu den regulären Kapazitäten bei Centra konnte beim Europäischen Migrations- und Integrationsfond (AMIF) ein Projekt zur Versorgung Schutzsuchender aus der Ukraine eingeworben werden. Seit Herbst 2024 können darüber pro Jahr zusätzlich ca. 200 Personen in Unterkünften niedrigschwellige Angebote zur Stressreduktion erhalten. Zudem können 60 psychologische Beratungen und 18 längere Psychotherapien angeboten werden. Neben den bestehenden Angeboten bestehen Möglichkeiten niedrigschwellige Angebote z.B. durch Peer-to-Peer-Ansätze zu ergänzen.
In den genannten Unterkünften wird keine spezialisierte psychosoziale Versorgung vor Ort angeboten. Den Bewohnenden der öffentlich-rechtlichen Unterkünfte steht jedoch ein breit aufgestelltes Hilfesystem in Hamburg zur Verfügung.
Zudem ist das Unterkunfts- und Sozialmanagement (UKSM) vor Ort in den Unterkünften tätig und verfolgt das Ziel, die Bewohnenden bei der (Wieder-)Herstellung ihrer Lebensgrundlagen zu unterstützen und sie an die bestehenden Regelsysteme heranzuführen. Das UKSM selbst erbringt keine psychosozialen oder therapeutischen Leistungen, sondern bietet eine Orientierungsberatung an und unterstützt bei der Suche nach und der Kontaktaufnahme zu fachkundigen Ansprechpersonen sowie zu spezialisierten Hilfesystemen (z. B. ärztliche und therapeutische Versorgung). Hierzu steht das UKSM unter anderem in regelmäßigen offenen Sprechstunden für Anliegen zur Verfügung. Die Arbeit des UKSM wird bei Bedarf durch weitere spezialisierte Beratungsangebote von F&W unterstützt. Dabei handelt es sich um die Sozialpädagogische Einzelfallhilfe (SPEH), das Angebot Rückenwind und die Beratungsstelle für Geflüchtete mit Behinderung und chronischer Erkrankung (BeGeB). Die SPEH und Rückenwind unterstützen besonders hilfebedürftige Wohnungslose durch individuelle, aufsuchende Beratung und Begleitung, um sie bei der Bewältigung ihres Alltags, der gesundheitlichen Stabilisierung und der Anbindung an das Hilfesystem zu unterstützen. Die BeGeB unterstützt speziell geflüchtete Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen durch fachkundige Beratung und Begleitung bei der Anbindung an medizinische, therapeutische und soziale Hilfesysteme. Zur Überwindung von Sprachbarrieren können das UKSM und die spezialisierten Beratungsangebote bei Bedarf auf den von F&W aufgebauten Sprachmittlerpool zurückgreifen, der im Jahr 2025 insgesamt 273 Dolmetschende für 47 Sprachen umfasste. Bei psychisch auffälligen Bewohnenden arbeitet F&W eng mit den Angeboten des Gesundheitsamtes und des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) zusammen.
An den Hotelstandorten werden psychosoziale Beratungs- und Unterstützungsbedarfe der untergebrachten Personen im Rahmen der Orientierungsberatung durch das Mobile Einsatzteam (MET) von F&W aufgegriffen. Das MET fährt die Standorte regelmäßig an, berät die Bewohnenden niedrigschwellig und unterstützt bei Bedarf die gezielte Vermittlung an geeignete Fachberatungsstellen, Regelangebote und weitere externe Unterstützungsstrukturen. An den Standorten vor Ort finden psychosoziale Beratungs- und Unterstützungsangebote nicht regelhaft statt.
Zum örU-Interimsstandort Überseering siehe im Übrigen Drs. 23/3992.
Darüber hinaus liegen der für Soziales zuständigen Behörde keine belastbaren Zahlen zu psychischen Belastungen oder Erkrankungen von Geflüchteten in den Unterkünften vor. Es werden von den Betreibern der Unterkünfte keine spezifischen Informationen zu psychischen Belastungen oder Erkrankungen von Geflüchteten erhoben. Gleichwohl sind die Mitarbeitenden in den Unterkünften durch interne Fortbildungsangebote für Themen wie psychische Belastungen, Traumafolgen und den Umgang mit besonders belasteten Bewohnenden sensibilisiert und erfahren. Im Rahmen der angebotenen Beratungen werden individuelle Belastungen und Unterstützungsbedarfe der untergebrachten Personen aufgenommen. Bei entsprechendem Bedarf erfolgt eine individuelle Anbindung an beziehungsweise Verweisung zu spezialisierten psychologischen Unterstützungsangeboten.
Siehe Antwort zu den Fragen 7 bis 9.
Standort |
Anteil an Ist-Belegung in Prozent (Stichtag 31.03.2026) |
Überseering 26 |
13,77% |
Flughafenstraße 64-82 |
4,76% |
Alsterdorfer Straße 575a (Plaza Inn Hamburg Nord) |
6,68% |
Langenhorner Chaussee 183 (Leonardo Hotel HH-Airport) |
12,91% |
Papenreye 36-42 |
6,40% |
Siehe Antwort zu 7 bis 9.
Im Rahmen der Orientierungsberatung verweist das UKSM bei Bedarf auch an die Angebote des UKE, insbesondere an Centra. Eine darüberhinausgehende Kooperation besteht nicht.
An den genannten Unterkünften gibt es keine zusätzlichen niedrigschwelligen Angebote im Sinne der Fragestellung. Im Übrigen siehe Antwort zu 7 bis 9.
Siehe Antwort zu 7 bis 9.
Die Vermittlung von Geflüchteten mit psychischen Belastungen in geeignete Beratungs- oder Therapieangebote erfolgt über verschiedene Wege. Ein wichtiger Zugang ist die Orientierungsberatung durch F&W. Bei entsprechendem Bedarf werden die Betroffenen an spezialisierte Angebote weitergeleitet. Darüber hinaus beraten auch andere in den Unterkünften tätige Träger zu spezialisierten Stellen und übernehmen bei Bedarf die Vermittlung an entsprechende Fachangebote. Ziel ist es, den Geflüchteten einen möglichst passgenauen Zugang zu geeigneten Beratungs- und Therapieangeboten zu ermöglichen. Die Vermittlung zu den passenden Angeboten kann insbesondere auch über lokale Gesundheitszentren, die öffentlichen Gesundheitsdienste, Centra sowie die Präventionsstelle zur Verhinderung forensischer Krankheitsverläufe erfolgen. Eine besondere Rolle nimmt dabei Centra ein, die eine Vernetzungs- und Koordinationsfunktion übernehmen. Durch die enge Zusammenarbeit mit psychosozialen Diensten, Therapeutinnen und Therapeuten, Kliniken und Beratungsstellen unterstützt Centra die Weitervermittlung in passende Hilfsangebote und steht hierzu im regelmäßigen Austausch mit verschiedenen Anlaufstellen.
Wartezeiten werden nicht systematisch erhoben. Bei Centra beträgt die Wartezeit für ein erstes Beratungsgespräch derzeit etwa sechs Monate. Für eine externe Weitervermittlung in psychotherapeutische oder spezialisierte traumatherapeutische Angebote liegen die Wartezeiten in der Regel bei etwa zwölf Monaten. Diese Wartezeiten führen dazu, dass notwendige Unterstützungs- und Behandlungsangebote häufig erst verzögert in Anspruch genommen werden können. Nicht zuletzt aufgrund der Wartezeiten und verzögerter Umsetzung der Behandlungen sehen die Träger einen Bedarf an zusätzlichen Ressourcen.
Dem Senat liegen keine Erkenntnisse im Sinne der Fragestellungen vor. Gleichwohl werden Erkenntnisse und Rückmeldungen der Träger sowie Erfahrungen aus Beratungsangeboten berücksichtigt. Herausfordernde Lebensumstände – etwa längere Aufenthaltsdauern in Unterkünften, unsichere Aufenthaltsperspektiven, Wohnraummangel oder eingeschränkter Zugang zu Unterstützungsangeboten – können Auswirkungen auf psychosoziale Belastungslagen haben.
Von den vier BafF-zertifizierten Psychosoziale Zentren (PSZ) in Hamburg erhalten drei für den Zeitraum 01.12.2025 bis 31.12.2026 Zuwendungen der Freien und Hansestadt Hamburg (Drs. 22/17219).
Ziel der Förderung aus Mitteln der Sozialbehörde ist es, in den Psychosozialen Zentren zur Verbesserung der gesundheitlichen und sozialen Versorgung ein zusätzliches spezialisiertes Angebot für geflüchtete Personen mit schweren psychischen Erkrankungen und komplexem Hilfebedarf einen strukturierten Zugang zu kultursensiblen, qualifizierten und bedarfsgerechten Hilfen anzubieten.
Darüber hinaus finanzieren sich die Hamburger BafF-Zentren – soweit bekannt – aus Eigenmitteln, wie z.B. Spenden.
Zur Fortsetzung der Finanzierung der ergänzenden Leistungen der Psychosoziale Zentren in Hamburg hat die Sozialbehörde gemeinsam mit den Trägern der Psychosozialen Zentren Interesse an der Förderung aus Mitteln einer sogenannten „specific action“ zur Psychosozialen Betreuung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Rahmen des Asyl- und Migrationsfonds (AMIF) für die Jahre 2027 und 2028 bekundet. Die Antragstellung befindet sich in der Vorbereitung. Längerfristige Optionen zur Finanzierung unterliegen dem Haushaltvorbehalt.
Das UKE erhält für den Betrieb des koordinierenden Zentrums für traumatisierte Geflüchtete Centra eine jährliche Zuwendung durch die Sozialbehörde. Die Zuwendung wird auf Antrag des UKE im Rahmen einer Projektförderung bewilligt.
Bezirksabgeordnete: Nergis Zarifi, Daniela Clément, Marcel Bulawa, Katharina Fischer-Zernin, Sidney Gregor-Wielan, Nadja Grichisch, Katrin Hofmann, Dr. Anıl Kaputanoğlu, Timo B. Kranz, Azra Kültür, Isabel Permien, Angelina Platz, Carsten Redlich, Christoph Reiffert, Thorsten Schmidt
[2] https://www.diakonie-hamburg.de/de/adressen/Psychosoziale-Beratung-fuer-Fluechtlinge/
[4] https://www.baff-zentren.org
[6] Koalitionsvertrag über die Zusammenarbeit in der Hamburgischen Bürgerschaft zwischen der SPD, Landesorganisation Hamburg, und Bündnis 90/Die Grünen, Landesverband Hamburg, Hamburg 2025, S. 93.
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