Geflüchtete Menschen sind häufig besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt. Fluchterfahrungen, Krieg, Verfolgung sowie unsichere Lebensbedingungen können zu Traumafolgestörungen führen. Eine frühzeitige psychosoziale und therapeutische Versorgung ist daher zentral für Integration und Teilhabe sowie zur Prävention von Chronifizierung und Krisen.
Seit 2015 wurden in Hamburg spezialisierte Angebote zur psychosozialen und traumatherapeutischen Behandlung von Geflüchteten geschaffen. Die psychosoziale Beratung erfolgt maßgeblich durch die Träger SEGEMI [1], Diakonie [2] Hamburg und Lichtpunkt e.V. [3] Diese sind in der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer [4] (BAfF) vernetzt. Ergänzend koordiniert seit 2020 das Koordinierende Zentrum für traumatisierte Geflüchtete [5] (CENTRA) die Versorgung.
Auch vor dem Hintergrund der im Koalitionsvertrag über die Zusammenarbeit in der Hamburgischen Bürgerschaft zwischen der SPD, Landesorganisation Hamburg, und Bündnis 90/Die Grünen, Landesverband Hamburg [6], 2025 formulierten Zielsetzungen stellt sich die Frage, inwieweit die bestehenden Angebote aktuell ausreichen, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.
Wir fragen daher:
A. Bestandsaufnahme Versorgung
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Wie viele Personen befinden sich aktuell in öffentlich-rechtlichen Unterkünften
a) in Hamburg insgesamt
b) im Bezirk Hamburg-Nord?
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Welche sind die fünf größten Unterkünfte nach Belegungskapazität
a) in Hamburg insgesamt
b) im Bezirk Hamburg-Nord?
- Wie stellt sich aktuell die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten in Hamburg dar (insbesondere in Hinblick auf eine bedarfsgerechte Versorgung, Kapazitäten, Trägerstruktur, regionale Verteilung)? Wie wird in diesem Zusammenhang eine bedarfsgerechte Versorgung definiert?
- Welche Träger sind derzeit in Hamburg aktiv und wie viele Personen können sie pro Jahr durchschnittlich behandeln?
- Wie haben sich diese Kapazitäten in den vergangenen drei Jahren entwickelt, insbesondere vor dem Hintergrund steigender Bedarfe?
- Welche Entwicklungen erwartet der Senat für die nächsten drei Jahre in Bezug auf die psychosoziale Versorgung?
B. Versorgung in Unterkünften
- Welche psychosozialen Beratungs- und Unterstützungsangebote bestehen direkt in den fünf größten Unterkünften des Bezirks Hamburg-Nord? In welchem Umfang sind diese geeignet, den vorhandenen Bedarf abzudecken?
- Wie viele Geflüchtete mit psychischen Belastungen leben derzeit in diesen Unterkünften (aggregierte Zahlen)?
- Wie viele Personen erhalten aktuell regelmäßig psychosoziale Beratung (aggregierte Zahlen), und wie hoch wird der Anteil derjenigen eingeschätzt, die trotz Bedarfs kein entsprechendes Angebot erhalten?
- Werden die Träger in den Unterkünften mit Dolmetscher*innen ausgestattet, und wenn ja, in welchem Umfang und für welche Sprachen?
- Wie ist die Verteilung der Patient*innen hinsichtlich Geschlecht (weiblich, männlich, divers)?
- Wie hoch ist der Anteil der 18–21-Jährigen unter den Bewohner*innen der Unterkünfte?
- Wie hoch ist der Anteil der Patient*innen in dieser Altersgruppe (18–21 Jahre), die psychosoziale Angebote in Anspruch nehmen?
- Gibt es auch selbstständig tätige Psychotherapeut*innen, die in den Unterkünften Angebote erbringen?
- Wie viele Stunden sind Therapeut*innen durchschnittlich in den Unterkünften tätig (z. B. pro Woche)?
- In welcher Form arbeitet das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) mit den Unterkünften zusammen (z. B. Konsile, Überweisungen, aufsuchende Angebote)?
- Welche niedrigschwelligen Angebote zur mentalen Gesundheit bestehen zusätzlich in den Unterkünften (z. B. Gruppenangebote, Peer-Beratung, psychosoziale Erstberatung)?
- Liegen dem Senat gesonderte Erkenntnisse zur psychosozialen Situation von Kindern in den Unterkünften vor und wie gestaltet sich deren spezifische Versorgung?
- Gibt es Erkenntnisse zum Geschlechterverhältnis unter den Patient*innen sowie dazu, ob bestimmte Gruppen – insbesondere Frauen oder queere Personen – überproportional von psychischen Belastungen betroffen sind?
C. Zugang zur Versorgung und Bedarfe der Träger
- Wie erfolgt die Vermittlung von Geflüchteten mit psychischen Belastungen in geeignete Beratungs- oder Therapieangebote?
- Welche Wartezeiten bestehen aktuell für psychosoziale bzw. traumatherapeutische Angebote, und inwiefern führen diese zu Versorgungslücken oder Verzögerungen in der Behandlung?
- Welche Bedarfe sehen die Träger in Bezug auf Personal, Räumlichkeiten oder Ausstattung, um den Bedarf angemessen decken zu können?
D. Prävention, Integration und Auswirkungen veränderter Rahmenbedingungen
- Welche präventiven Effekte haben psychosoziale Beratungsangebote, insbesondere zur Vermeidung von Chronifizierung psychischer Erkrankungen oder Eskalationen, und welche Folgen ergeben sich aus einer nicht ausreichenden Versorgung?
- Liegt dem Senat eine Einschätzung oder Evaluation der psychosozialen Belastung von Geflüchteten vor, bei der veränderte Rahmenbedingungen bzw. Lebensumstände berücksichtigt wurden, z. B. hinsichtlich besonders vulnerabler Gruppen wie Alleinerziehende, queere Menschen oder Menschen mit Behinderung?
- Liegt dem Senat eine Bewertung oder Analyse vor, wie psychosoziale Beratung direkt in den Unterkünften die Integration und gesellschaftliche Teilhabe von Geflüchteten unterstützt?
E. Finanzierung und Struktur
- Wie werden die Träger der psychosozialen Beratung aktuell finanziert, insbesondere BAfF-zertifizierte Zentren?
- Welche Maßnahmen plant der Senat, um die langfristige und bedarfsgerechte Finanzierung sicherzustellen, insbesondere vor dem Hintergrund aktuell bestehender oder absehbarer Finanzierungslücken?
- Wie fließen städtische Mittel in die Arbeit des CENTRA-Zentrums sowie in die ambulante Versorgung?
Bezirksabgeordnete: Nergis Zarifi, Daniela Clément, Marcel Bulawa, Katharina Fischer-Zernin, Sidney Gregor-Wielan, Nadja Grichisch, Katrin Hofmann, Dr. Anıl Kaputanoğlu, Timo B. Kranz, Azra Kültür, Isabel Permien, Angelina Platz, Carsten Redlich, Christoph Reiffert, Thorsten Schmidt
[1] https://www.segemi.org
[2] https://www.diakonie-hamburg.de/de/adressen/Psychosoziale-Beratung-fuer-Fluechtlinge/
[3] https://lichtpunkt.org/
[4] https://www.baff-zentren.org
[5] https://centra.hamburg
[6] Koalitionsvertrag über die Zusammenarbeit in der Hamburgischen Bürgerschaft zwischen der SPD, Landesorganisation Hamburg, und Bündnis 90/Die Grünen, Landesverband Hamburg, Hamburg 2025, S. 93.