Benennungen von Straßen, Brücken, Plätzen im Bezirk Hamburg-Nord Kleine Anfrage gem. § 24 BezVG der DIE LINKE-Fraktion
Benennungen im öffentlichen Raum, z.B. von Straßen sollen ehrenvoll an herausragende historische Persönlichkeiten, Ereignisse oder Institutionen erinnern. Die Auswahl der Benennungen zeugt davon, was und wer zum Zeitpunkt der Ernennung für erinnerungswürdig oder ehrenvoll gehalten wird. Diese Maßstäbe sind natürliche historischen Veränderungen und gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen unterworfen. Beispiele hierfür sind nationalsozialistisch oder kolonial belasteten Straßennamen oder auch die Sichtbarmachung von Frauen und ihren Verdiensten im öffentlichen Raum.
Menschen mit Behinderung, die historisch Herausragendes für Menschen mit Behinderung geleistet haben, sind nur im Ausnahmefall Namensgeber*innen für Straßen, Plätze o.ä.
Mit dem Louis-Braille-Platz haben wir ein Beispiel im Bezirk Nord. Louis Braille, der selbst erblindet war, erfand die tastbare Punktschrift und revolutionierte damit die Blindenbildung. Häufiger sind jedoch Benennungen nach Persönlichkeiten, die als „Wohltäter*innen“ für Menschen mit Behinderung gewirkt haben, aber selbst nicht von Behinderung betroffen waren, die für Menschen mit Behinderung wirkten, aber nicht zwangsläufig für die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung eintraten. Beispiel hierfür sind die Bennungen nach Heinrich Sengelmann, dem Gründer der Alsterdorfer Anstalten (Jetzt Stiftung Alsterdorf) oder Samuel Heinicke, der die „Lautsprachmethode“ für den Unterricht von Gehörlosen entwickelte und gegen die Verwendung von Gebärdensprache eintrat.
Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bezirksamtsleitung:
Vorbemerkung:
Eine vollständige historische Kartei aller (Um-)Benennungen im Zusammenhang mit den genannten Kriterien liegt im Bezirksamt nicht vor, da sie nicht statistisch erfasst werden. In der Kürze der mit der Beantwortung einer Kleinen Anfrage zur Verfügung stehenden Zeit kann das Bezirksamt die abgefragten Informationen daher nicht für das gesamte Straßennetz im Bezirk ermitteln. Dazu wären u.a. das Staatsarchiv und die Kulturbehörde zu beteiligen.
In der Regel geht die Initiative für die Benennung von Straßen von politischen oder ehrenamtlichen Gremien und zivilgesellschaftlichen Organisationen aus.
Dementsprechend wird die KA auf Grundlage der verfügbaren Informationen wie folgt beantwortet.
Louis-Braille-Platz
Benennung 2000, Anlass: Benannt nach Louis Braille (1809–1852), der als selbst erblindeter Pädagoge die Blindenschrift entwickelte und damit die Blindenbildung weltweit revolutionierte. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord, auf Initiative von Blindenverbänden und der Louis-Braille-Schule.
Heinrich-Sengelmann-Straße
Benennung 1950er Jahre, Anlass: Benannt nach Heinrich Sengelmann (1821–1899), Gründer der Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), engagiert in der Betreuung und Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord, Bezug zur Evangelischen Stiftung Alsterdorf.
Samuel-Heinicke-Weg
Benennung 1970er Jahre, Anlass: Benannt nach Samuel Heinicke (1727–1790), Begründer der Lautsprachmethode für Gehörlose und Wegbereiter der Gehörlosenpädagogik in Deutschland. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord, Bezug zur Gehörlosenschule.
Margaretha-Rothe-Weg Benennung 1986, Anlass: Benannt nach Margaretha Rothe (1919–1945), Widerstandskämpferin, die sich im Nationalsozialismus für Kranke und Schwache einsetzte. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord.
Dorothea-Kasten-Straße
Benennung: 2012, Anlass: Benannt nach Dorothea Kasten (1924–2009), langjährige Leiterin der Alsterdorfer Anstalten, die sich besonders für die Rechte und Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung einsetzte und die Öffnung der Behindertenhilfe hin zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe vorantrieb. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.
Elisabeth-Flügge-Straße
Benennung 2012, Anlass: Benannt nach Elisabeth Flügge (1895–1981), Lehrerin und Sozialpädagogin, die sich während der NS-Zeit für verfolgte und behinderte Menschen engagierte und sich für deren Rechte einsetzte. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord.
Paul-Stritter-Weg
Benennung, 2012 Anlass: Benannt nach Paul Stritter (1900–1986), langjähriger Leiter der Alsterdorfer Anstalten, der sich für die Förderung und Integration von Menschen mit Behinderung einsetzte und an der Entwicklung moderner Konzepte in der Behindertenhilfe beteiligt war. Initiator: Bezirk Hamburg-Nord in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.
Die Benennungen Dorothea-Kasten-Straße, Elisabeth-Flügge-Straße und Paul-Stritter-Weg erfolgten 2012 im Rahmen der Umbenennung von Straßen auf dem Gelände der Stiftung Alsterdorf, um NS-belastete Straßennamen zu ersetzen und das Engagement für Menschen mit Behinderung sichtbar zu machen.
Louis-Braille-Platz
Louis Braille war selbst erblindet und hat mit der Entwicklung der Blindenschrift einen bedeutenden Beitrag für Menschen mit Behinderung geleistet. Weitere Benennungen nach Persönlichkeiten mit Behinderung oder nach Selbstorganisationen von Menschen mit Behinderung sind im Bezirk Hamburg-Nord nicht bekannt.
Louis-Braille-Schule
Förderschule für blinde und sehbehinderte Kinder, benannt nach Louis Braille.
Heinrich-Sengelmann-Haus
Wohnheim für Menschen mit Behinderung, benannt nach Heinrich Sengelmann.
Samuel-Heinicke-Schule
Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören, benannt nach Samuel Heinicke.
Paul-Stritter-Haus
Wohnheim für Menschen mit Behinderung, benannt nach Paul Stritter.
Benennungen nach Selbstorganisationen von Menschen mit Behinderung sind nicht dokumentiert.
Gedenktafel Louis Braille
Standort: Louis-Braille-Platz / Louis-Braille-Schule, Erinnerung an Louis Braille und seine Verdienste für die Blindenbildung.
Gedenktafel Heinrich Sengelmann
Standort: Stiftung Alsterdorf, Erinnerung an den Gründer der Alsterdorfer Anstalten.
Gedenktafel Samuel Heinicke
Standort: Samuel-Heinicke-Schule, Erinnerung an den Gehörlosenpädagogen.
Gedenkort „Euthanasie“-Opfer
Standort: Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße, Erinnerung an die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen an Menschen mit Behinderung.
Gedenkort „Euthanasie“-Opfer
Standort: Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße, Gedenkort für die Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde an Menschen mit Behinderung.
Gedenktafel „Euthanasie“-Opfer
Standort: UKE, Martinistraße 52, Gedenktafel für die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen.
Dr. Bettina Schomburg 21.04.2026
(Bezirksamtsleitung)
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